Donnerstag, 27. Oktober 2016

28. Oktober 1816: Malwida von Meysenbug wird in Kassel geboren


















1816 Malwida von Meysenbug wird am 28. Oktober  in Kassel geboren
1830 Familie muss Kassel verlassen.
1832 Umzug nach Detmold
1843 Predigt von Theodor Althaus in Detmold
1844/45 Winteraufenthalt in Hyères in der Provence, Liebe zu Theodor
1847 Tod des Vaters in Frankfurt
1848 Vorparlament in Frankfurt,  Distanz zu Theodor
1849 Reise nach Ostende
1850 Hamburger Frauenhochschule
1851 Theodors Erkrankung
1852 Theodors Tod, Emigration nach London, wohnt zunächst bei Johanna  und Gottfried Kinkel
1853 Erzieherin bei Alexander Herzen in London
1857 Bekanntschaft mit Guiseppe Mazzini
1859 Paris
1861 London
1865 Florenz
1869 „Memoiren einer Idealistin“ in französischer Sprache
1876 mit Nietzsche, Bree und Brenner in Sorrent
1877 Wohnung in der Via Polveriera in Rom
1882 bei Cosima und Richard Wagner in Bayreuth
1890 Begegnungen mit Roman Rolland in Rom
1903 Tod Malwida von Meysenbugs am 26. April in Rom




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Mittwoch, 12. Oktober 2016

Nordischer Wintergarten. Gedichte für Malwida


Wie ein Nordischer Wintergarten musste Theodor Althaus die kleine Welt in Detmold vorgekommen sein, als seine Freundin Malwida von Meysenbug Ende September 1844 für einige Monate in die Provence gereist war. Ohne berufliche Perspektive nach dem Abschluss seines Studiums waren die Gespräche mit ihr mehr als nur Lichtblicke. Er hatte sich verliebt in die Frau, die seit seiner ersten Predigt in ihm einen jungen Apostel sah, dessen Botschaften sie im tiefsten Herzen trafen. Seine poetischen Abschiedsgrüße gab er ihr mit auf den Weg und schrieb weitere Gedichte, die er ihr widmete.

Leseprobe:











Mir ist in geistigem Schauern
Eines Liedes Seele erwacht
Ein Lied voll heiligem Trauern
            Wie die süße Sternennacht

Es glüht, es ist unverloren
Noch ruft es wankend in mir.
Doch es sehnt sich zu werden geboren
Und zu rufen im Herzen nach dir.




Montag, 10. Oktober 2016

"Der junge Apostel"

Im Frühling sollten wir zurückgehen in unsere kleine Residenz im Norden. Es war mir ein herzzerreissender Schmerz, für den ich keine Worte hatte, den Stunden entsagen zu müssen, die mir so viel Glück gaben; es schien, als wenn ich dem Heil meiner Seele entsagen müsste. Ausserdem bot mir auch die Stadt, in der wir jetzt lebten [Frankfurt am Main], trotz unseres zurückgezogenen Lebens eine Menge geistiger Hülfsquellen, nach denen ich immer mehr Verlangen trug. Unsere kleine Residenz, die ich sonst so geliebt hatte, erschien mir jetzt mit ihren engen gesellschaftlichen Beziehungen wie ein Exil. Dennoch musste es geschieden sein. Der einzige Trost, den ich zu finden wusste, war, meinen Lehrer [Morgenstern] zu bitten, einen künstlerischen Briefwechsel mit mir zu unterhalten, was er auch versprach, da er mein Scheiden auch herzlich beklagte. Meine erste Sorge, nach der Rückkehr in unsere nunmehrige kleine Heimat, war die Einrichtung eines Ateliers für mich, in welchem ich, allein und versunken in die Kunst, Stunden des Glücks und des angestrengten Studiums verbrachte. Ich ging auch aus, um nach der Natur zu zeichnen; aber die Landschaft, die ich vor Augen hatte, gefiel mir nicht mehr, seit ich mich an den unaussprechlichen Reiz der südlichen Natur, die ich aus den Bildern meines Meisters kannte, gewöhnt hatte. Ausnahmen hiervon waren jedoch die Bäume und die Waldpartien, mit ihrem geheimnisvollen Halbdunkel und den Sonnenstreifen, welche durch das Laub fielen und auf dem Moosboden spielten. Diese sind die wahre Poesie der Landschaft im nördlichen Deutschland, und das war es vielleicht, weshalb die Völker dieser Gegenden in ihrem Kindesalter die Wälder und Bäume zu Heiligtümern stempelten und ihren Wodan im heiligen Eichenhain verehrten. Aber für die eigentliche Landschaft erschien mir nur das Grün nicht malerisch. Blau, Violett, Gelb, Rot geben jene Farbentöne, die im Süden dem Auge wohlgefallen. Vielleicht kommt es daher, dass auch der hohe Norden, wo die nackten Felsen, der Schnee und das tiefblaue Meer vorherrschen, malerischer ist, als die gesegneten Länder der Mitte, wo das Grün überwiegt.
Ausserdem war ich aber auch noch in der kleinen Stadt zu sehr der Hülfsmittel zur Entwicklung beraubt, denn es war da nicht allein keine Galerie, sondern nicht einmal ein gutes Bild, keine Künstler und kauf einiger wenige Personen, die wussten, was Malerei ist. Meine ewig suchende Natur griff wiedr nach anderen Auswegen. Die alten religiösen Fragen erwachten in neuer Weise. Ich fürchtete die Kritik nicht mehr; ich ging nur äusserst selten noch in die Kirche, weil ich keine neuen Gedanken, keine wirkliche Erleuchtung dort fand. Eines Tages sagte man mir, dass der älteste Sohn meines Religionslehrers, der sich gerade während der Universitätsferien zu Haus befände, am folgenden Sonntag in der Kirche predigen würde, da er Theolog sei wie sein Vater. Ich ging zur Kirche, um zu sehen, was aus dem blassen stillen Knaben, den ich einst im Zimmer seiner Mutter hatte arbeiten sehen, geworden sei. Nach dem Gesang der Gemeinde, welcher der Predigt vorausgeht, stieg ein junger Mann, in schwarzem Talare, auf die Kanzel, beugte das Haupt und verblieb einige Minuten in stillem Gebet. Ich hatte Zeit ihn anzusehen. Er war groß wie sein Vater, aber sein Kopf hatte einen Typus, der in jenen Gegenden, wo er geboren war nicht häufig ist. Sein Gesicht war bleich mit scharf geschnittenen, edlen Zügen, wie man sie bei den südlichen Rassen findet. Lange und dichte schwarze Haare fielen ihm bis auf die Schultern; seine Stirn war die der Denker, der Märtyrer. Als er zu sprechen begann, wurde ich sympathisch berührt durch den Klang seiner tiefen, sonoren und doch angenehmen Stimme. Bald aber vergaß ich alles andere über den Inhalt seiner Predigt. Das war nicht mehr die sentimentale Moral, noch die steife kalte Unbestimmtheit der protestantischen Orthodoxie, wie beim Vater. das war ein jugendlicher Bergstrom, der daherbrauste voller Poesie und neuer belebender Gedanken. Das war die reine Flamme einer ganz idealen Seele, gepaart mit der Stärke einer mächtigen Intelligenz, die der schärfsten Kritik fähig war. Das war ein junger Herder, welcher, indem er das Evangelium predigte, die höchsten philosophischen Ideen zur Geschichte der Menschheit entwickelte. Ich war auf das tiefste und glücklichste bewegt. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte ich meiner Mutter von dem Gehörten und sagte ihr mit Enthusiasmus: „Wenn dieser junge Mann hier bleibt, so wird dies kleine Land eine grosse Zukunft haben.“
Einige Tage nachher hing meine Mutter abends zur Ressource [Raum im Detmolder Rathaus für gesellschaftliche Veranstaltungen]: ich ging nicht mit. Mein früherer Lehrer hatte ihr seinen Sohn vorgestellt, und sie kam ebenso enthusiasmiert zurück, wie ich aus der Kirche gekommen war. „Er ist das Ideal eines jungen Mannes,“ sagte sie. Ich bedauerte, nicht dort gewesen zu sein und doch wünschte ich beinah nicht, meinem jungen Apostel auf neutralem Wege zu begegnen. Er hatte in meiner Phantasie schon Platz genommen als der inspirierte Prophet einer neuen Wahrheit. Ich sah ihn in dem Jahr [1843] auch nicht wieder, denn er kehrte auf die Universität zurück.
Ich aber fühlte, dass ich das bloss kontemplative Leben verlassen müsse, um zur Tat zu kommen. Die heiligen Freuden, die ich beim Malen genoss, schienen mir zu egoistisch, wenn ich nicht zugleich mich des Leidens erbarme, das ich überall um mich sah; wenn das Mitleid, welches mir die wahre Essenz des Christentums zu sein schien, sich nicht in Taten verwirkliche. Ich beschloss zu ersuchen, einen Verein der Arbeit für Arme zu gründen. Ich sprach darüber mit den jungen Damen meiner Bekanntschaft. Man zuckte die Achseln, man zweifelte am Erfolg, aber es gelang mir, eine kleine Anzahl zu vereinigen, und wir fingen mit einer ganz einfachen Organisation an. Man vereinigte sich einmal wöchentlich in den Häusern der Beteiligten, und man legte jedes Mal einen so kleinen Betrag in die Vereinskasse, dass es niemand lästig fiel. Diese Beiträge dienten dazu, das Material zur Arbeit zu kaufen; sie wurden durch freiwillige Gaben noch erhöht. An den Vereinstagen arbeitete man so das ganze Jahr hindurch Kleidungsstücke für die Armen und verteilte sie am Weihnachtsabend. Von Kindheit auf hatte ich diesen Tag der intimsten häuslichen Freude, so wie er so schön in Deutschland gefeiert wird, als einen Tag angesehen, an dem man suchen sollte, auch die Armen zu erfreuen. Das kleine Unternehmen gelang immer besser. Bald wollten alle jungen Mädchen der Gesellschaft aufgenommen sein. Die Menge der Arbeit, die man mit so bescheidenen Mitteln anfertigte, war wirklich nicht unbedeutend. Unter den jungen Mädchen, welche der Gesellschaft beitraten, waren auch die zwei Schwestern des jungen Apostels.  Ich kannte die ältere; sie war schön und gut, aber sie hatte mich nie sehr interessiert. Die zweite trat nur eben erst in den Kreis der Erwachsenen ein. Sie war viel jünger wie ich, und ich hatte sie nur als ein Kind gekannt. Jetzt, durch die unerklärliche Anziehungskraft, welche über die Geschicke der Menschen entscheidet, zu einander hingezogen, näherten wir uns einander von Anfang an, und bald entstand zwischen uns, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, eine wirkliche Herzensfreundschaft. Man liebte meine junge Freundin dort nicht so wie ihre Schwester, welche ein allgemein gefälliges Wesen hatte. Man fand die jüngere affektiert und extravagant, weil sei, mit siebzehn Jahren, die ernsten Gespräche dem frivolen Geschwätz vorzog, und sich dann frei hingab, wenn sie durch das Interesse am Gespräch hingerissen wurde. Dagegen bleib sie verlegen, stumm, linkisch in den gewöhnlichen geselligen Beziehungen. Ich verstand sie darin nur zu wohl, und ich sah mit Entzücken ihre reiche Natur vor mir sich in mannigfaltigster Weise offenbaren. In kurzer Zeit war ich mit ihr viel intimer wie mit den andern. Sie sprach mir oft von ihrem Bruder, den sie leidenschaftlich liebte; er war ihr alles, ihre Liebe für ihn war ein wahrer Kultus. Ich hörte ihr mit tiefem Anteil zu, und das Bild des jungen Apostels wurde mir dadurch noch teurer. Man erwartete ihn in der Familie im Frühjahr bei seiner Rückkehr von der universität. Die Schwester bebte vor Wonne, wenn sie daran achte, denn er sollte lange bleiben, um sein Examen als Kandidat der Theologie zu machen.
Ich erwartete ihn auch mit Freude; ich wusste, dass er mir neues Licht mitbringen würde, und ausserdem war er der angebetete Bruder von der, die jetzt in meinem Herzen herrschte.
Als er endlich angekommen war, erhielten meine Schwester und ich eine Einladung von seinen Schwestern, den Abend da zuzubringen. Kaum waren wir dort angelangt, als die Tür sich öffnete und der Bruder eintrat. Er setzte sich neben mich, und das Gespräch wurde sofort sehr belebt. Es war sonderbar, wie unsere Ansichten in allen wichtigsten Punkten zusammentragen. Wir sagen uns mit Erstaunen an, denn es schien, als ob das Wort des einen immer aus den Gedanken des andern komme. Als wir gingen, blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und sah mich wie im Traume an, als ich ihm Lebewohl sagte.
Einige Tage darauf wurden, auf meine Bitte, seine Schwestern und er zu uns gebeten. Ich war auch da schon wieder unter dem Einfluss jenes innern Zwanges, der mir so viele Stunden meines Lebens verdorben hat – dieser sonderbaren Unmöglichkeit, frei mein Herz zu öffnen, wo es sich am liebsten frei gegeben hätte. Doch hatte ich zuletzt noch einen Augenblick lang allein mit ihm ein Gespräch, dessen Gegenstand die zweite Schwester war, die er nur die „Kleine“ nannte. Die Liebe, die wir beide für sie hatten, machte mich beredt. Indem ich meiner Liebe für sie Ausdruck gab, fühlte ich, dass der Bruder fortan der dritte sein würde in diesem Bunde, welcher bereits einen Teil meines Lebens ausmachte.
Meine Mutter und Schwestern beschlossen zum Abendmahl zu gehen. Es war dies nur zwei oder drei Mal dr Fall gewesen seit jenem Tag der Qual, und ich war immer noch nicht ruhig in diesem Punkt. Dieses Mal beschloss ich zu einer Lösung zu kommen. Ich wandte mich an meinen früheren Lehrer, dem ich mich wieder genähert hatte durch die Freundschaft mit seiner jüngeren Tochter. Ich schrieb ihm einen Brief, in welchem ich ihm ohne Rückhalt meine Zweifel und Bedenken auseinandersetzte. Ich bekannte, dass ich das Geheimnis der Gnade nie dabei erfahren hätte, und dass ich schliesslich beinahe zu der Ansicht gekommen sei, dass diese Zeremonie wohl nur als ein Symbol der grossen Brüdergemeinschaft angesehen werden müsse, zu welcher Christus die Menschen führen wollte und für deren Verwirklichung er den Tod am Kreuze starb. Ich bat ihn, mir eine Stunde zu bestimmen, in welcher wir diesen Gegenstand mündlich besprechen könnten. Er bewilligte mir dieselbe und war liebenswürdig wie immer, machte mir keinen Vorwurf über das, was ich ihm bekannte, gab mir aber auch keine positive Ansicht über den Gegenstand. Ich fing an zu vermuten, das er selbst keine habe. Endlich wendete er das Gespräch auf andere Dinge und erzählte mir u. a., dass sein Sohn beinahe immer zu Hause sei, weil ihn die Gesellschaft seiner früheren Schulkameraden, die ihr halbes Leben auf der Ressource, bei Billard und Karten verbrächten, zu sehr langweile.
„Er hat vollkommen recht“, sagte ich.
„Vielleicht ja“, erwiderte der Vater, „aber auf diese Weise wird er bald genug isoliert sein. Sie werden ihn hassen, weil er besser sein will, wie sie.“
„Nun, in diesem Fall ist es besser, allein und gehasst zu sein.“
Einige Tage nachher kam meine Mutter mit einem Brief in der Hand und sagte: „Bereite dich vor auf ein grosses Glück.“ Der Brief kam von meinem Vater und kündigte mir an, dass meine Schwägerin, die Frau meines ältesten Bruders, den Winter ihrer Gesundheit wegen im Süden zubringen müsse und da mein Bruder sie nicht begleiten könne, mich zur Gesellschaft wünsche. Mein Vater hatte es bewilligt. Ich leibte diese Schwägerin leidenschaftlich, und obgleich sie und mein Bruder meist fern von uns lebten, so war doch auch ich ihr besonders wert. Sie wollte den Winter in der Provence zubringen und dann durch das nördliche Italien zurückkehren. Nach dem Süden gehen, nach Italien! Seit meiner Kindheit war Italien as Land meiner Träume, das Land der Wunder, zu welchem meine Wünsche in ihrem kühnsten Fluge hineilten. Ich war noch ganz klein, als ein teurer Hausfreund, ein geistvoller Künstler, der lange in Italien gelebt hatte, die Wunder jenes Landes in Bild und Wort in unserem Hause gleichsam lebendig mache; meine Phantasie war davon erfüllt. Zugleich kannte ich den Namen Goethe durch meine Mutter als den des allerverehrungswürdigsten Menschen unter allen, die lebten. Da hatte sich denn in meiner kindlichen Phantasie ein Traumbild entsponnen, das mehrere Jahre meiner Kindheit durch fortlebte, ohne dass ich es jemals jemand mitgeteilt hätte. Ich dachte mir, irgend ein gütiges Verhängnis müsse es so fügen, dass ich eine Reise nach Italien machen über Weimar zurückkehren und zu den Füssen Goethes sitzen könne, von dem ich mir dachte, er müsse aussehen wie einer der Weisen aus dem Morgenland. Als ich hörte, dass Goethe gestorben sei, ging es mir wie ein bittrer Schmerz durch das Herz; ich konnte es lange nicht überwinden, dass auch so ein Grosser sterblich und dass die Verwirklichung meines Traumes nun unmöglich sei. Jetzt sollte der kindliche Traum zur Hälfte doch Wahrheit werden. Meine Seele sollte ihre Flügel entfalten und ihren Flug in das unbekannte Land der Sehnsucht nehmen, das mir wie mein wahres Vaterland erschien. Es schien zu schön, um wahr zu sein, und es war doch so. Ich war still, wie immer in den ergreifendsten Augenblicken meines Lebens. Aber es war mir, als ob das Ideal, nach dem mein Leben eine beständige Wallfahr war, mich dort erwarte, in jeder Ferne, und mir eine Krone über meinem Haupt in den Wolken zeige.
Das einzig Peinliche dabei war mir, dieses Glück meiner Schwester zu verkünden, der treuen Gefährtin meines bisherigen Lebens, mit der ich bis dahin alles, Gutes und Böses, geteilt hatte. Sie empfing die Nachricht jedoch mit der liebenswürdigsten Hingebung und mit stiller Resignation, wie es in ihrer Natur lag, und half mir mit der gütigsten Bereitwilligkeit die Vorbereitungen zur Reise machen. Während der Beschäftigung damit fühlte ich auch, neen dem grossen Glück, ein tiefes Bedauern, zu gehen. Ich sah es wieder in besonderer Weise ei dieser Gelegenheit, wie sehr ich in unserer Familie und in unserem ganzen Kreise geliebt wurde. Meine Reise erregte allgemeine Sympathie. Zwei Tage vor meiner Abreise verbrachten die „Kleine und ihr Bruder den Abend bei uns. Sie freuten sich für mich, aber sie bedauerten auch mein Scheiden und hätten mit mir ziehen mögen.
Der Moment des Scheidens kam endlich. Ich musste sehr früh am Morgen mit dem Postwagen abfahren, denn Eisenbahnen gab es damals in jenen Gegenden noch nicht. Meine Mutter schleif, ich wollte sie nicht wecken, um ihr die Erregung des Abschieds zu ersparen, denn sie entließ mich doch mit schwerem Herzen für so lange und so weit; eine Reise nach Italien [allerdings ging die Reise nach Hyères in der Provence] war damals noch ein bedenkliches Unternehmen Ich nahm einen stummen Abschied, unter heißen Segenswünschen, vor ihrem Bett und begab mich zur Post, begleitet von meiner treuen Schwester [Laura]. Dort fanden wir die „Kleine“ [Elisabeth Althaus] und ihren Bruder. Ich umarmte die Kleine noch einmal, gab dem Bruder noch einmal die Hand. Er gab mir einen Blumenstauß, an dem ein Brief angebunden war, der anstatt der Adresse diese Worte Tassos enthielt: „I suoi pensieri in lui dormir non ponno“ [Seine Gedanken lassen ihn keinen Schlaf finden]. Ich stieg in den Wagen, hielt den Strauß und den Brief in meiner Hand und fühlte mich wie gesegnet von einer guten Gottheit. Nach einigen Stunden hielt der Postwagen in einem kleinen Ort, wo die Reisenden zu Mittag aßen. Ich ging statt dessen in den Garten des Posthofs und öffnete meinen Brief. Es waren Verse: ein Abschiedssonett und ein längeres Gedicht, welches er nach einem unserer letzten Gespräche und einem darauf folgenden Spaziergang und prächtigen Sonnenuntergang gedichtet hatte. Es war eine Vision, die vor seinem Geist die strengen Denker des Nordens hatte vorüberziehen lassen, deren Sehnen, aus ihren schweren Kämpfen heraus, sie immer nach dem Süden, dem Symbol der  Harmonie und die vollendeten Schönheit, gezogen habe, ganz besonders in Deutschland, wo diese Sehnsucht sich in jeder tiefen, strebenden Natur wiederhole. Auf ihrem Zuge dorthin redete er zunächst die Alpen an, deren Spitzen im Sonnenschein glühten:

„Ihr Alpen seid gegrüßt, ihr ew’gen Mauern,
Die unsrer Erde Paradies beschützen;
Ihr Niegeseh’nen füllt mit heil’gen Schauern
Ein Herz, das Schnee und Wolken möchte fragen
Und Antwort lesen möchte’ im Sturm und Blitzen.“

Am Ende sprach er davon, wie auch die besten Sterne seines eignen Lebens ihm den Weg nach Süden gezeigt hätten, selbst der letzte, der kaum aufgegangen, schon weiter ziehe, um dort unten zu leuchten.

„Doch flüstert sie mir zu: Ich ziehe gern.
Ja, du hast recht, den Winter lass dem Norden,
Mich lass mit Wort und Tat den Süd verdienen.“

Das Meer von stillem Glück, das in mir zurückblieb, als ich gelesen hatte, lässt sich nicht mit Worten beschrieben. Es war der Friede inmitten der Erregung, die Freude ohne Flecken, ohne heftigen Wunsch – ein Frühlingsmorgen, wo alles Duft ist und Harmonie und Hoffnung auf den Sommer, der folgen soll.
In der Stadt angekommen, wo ich und eine Dame, mit der ich reiste, die Nacht zubringen sollten, schrieb ich ihm eine Antwort, auch in Versen, welche ich seiner Schwester zuschickte, um sie ihm zu übergeben.

Auszug aus „Memoiren einer Idealistin“, Volksausgabe, Schuster und Löffler, Berlin und Leipzig, 3. Auflage Dezember 1881 (S. 117-130)

Bildquelle: Theodor Althaus 1843, Bleistiftzeichnung von Malwida von Meysenbug 
„Erinnerung an die Tage vom 26t bis zum 30t November 1843“
Staatsarchiv Detmold D 75 Nr. 7567