Mittwoch, 20. Juni 2018

La Grande Chartreuse


(Ausflug zum Kartäuserkloster bei Grenoble  - Mai 1845)

Nach einer Übernachtung in Grenoble hatte Malwida von Meysenbug Gelegenheit, das Gelübde an den Weltgeist zu bestätigen. Zusammen mit Herrn Ludwig und den beiden Jungen ließ sie sich mit der Kutsche in ein nahe gelegenes Dorf bringen. Von dort aus wagte sie sich auf einem Mautier an den Aufstieg zum Karthäuserkloster hoch oben im Gebirge. Geführt wurde die Gruppe von einem kundigen Manne. Hätte sie gedacht, was auf sie zukam? Zwischen riesigen Felswänden durchquerten sie eine Schlucht, in deren Tiefe ein reißendes Gewässer tobte. Immer enger wurde der Pfad und immer bedrohlicher der Abgrund. Irgendwann befanden sie sich wohl oberhalb der Vegetationsgrenze, wo nichts mehr zu leben schien. Todestor nannte man den Durchbruch im Felsen, den sie passieren mussten. In dieser schauerlichen Szenerie fühlte sich Malwida sich an Dantes Höllentor erinnert und war dann ganz erstaunt, als sie in ungefähr 2000 Metern Höhe zu Füßen des Bergmassivs eine Ebene in üppigem Grün erreichten. Hier wuchsen prächtige Bäume und Blumen in den schönsten Farben.

Am Eingang der Klosteranlage wurden sie von zwei Laienbrüdern empfangen. Ohne ein Wort zu wechseln, nahm der eine den Bergführer zur Seite und brachte zusammen mit ihm die Maultiere in einen Stall. Der andere Klostermann stand da und schwieg. Die Kutte hing über seinen leicht nach vorne gebeugten Schultern und fiel ihm bis auf die Sandalen. Ein dicker Hornknopf hielt das etwas dünnere Leinenhemd darunter zusammen. Nichts an dieser Kleidung und der Art, wie er sie trug, vermittelte den Eindruck, als würde sie ihn einengen, auch nicht die Kapuze, obwohl sie Hals und Nacken schwer umschloss. Sah so jemand aus, der am Ende eines steinigen Weges die Wahrheit gefunden hatte? Die Wahrheit, nach der zu streben sie gerade einen Tag zuvor auf der steilen, vereisten Passstraße gelobt hatte? Das Hell und Dunkel seines Gesichtes diesseits und jenseits der scharfen Trennlinie über Stirn, Nase und Mund, vermittelten den Eindruck einer unerschütterlichen Gelassenheit. Es war eine andere Art von Gelassenheit, die dieser Mann ausstrahlte. Sie gehörte ebenso hierher wie der gefährliche Pfad zwischen schroffen Felsen und Abgründen, wie das Höllentor, wie die fruchtbare Ebene und der in der Abendsonne leuchtende Felsgipfel.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, vielleicht weniger, vielleicht mehr. Der große Schweiger hatte Herrn Ludwig zum Eingangsportal des Klosters gebracht, sie und die Jungen in das kleine Holzhaus geführt, wo er sie mit Brot, Butter und Tee bewirtet hatte. Nun stand er in diesem winzigen Raum ihr gegenüber und nickte, unentwegt lächelnd. Sein Schweigen konnte sie kaum ertragen. Noch keinen Laut hatte sie aus seinem Munde gehört. Selbst sein Blick wirkte stumm. Nicht die kleinste Bewegung der Kutte. Doch was hatte sie erwartet? Befolgte er doch nur die Regel, die ihr allerdings bis vor ein paar Minuten unbekannt gewesen war. Sie durfte das Innere des Klosters nicht betreten. Das durften nur Männer. Ihr war nun dieses winzige Domizil zugewiesen. Es war alles da, was sie für einen Abend und eine Nacht brauchte: Bett, Stuhl und Waschtisch, auch was sie nicht brauchte: Betbank, Kruzifix und Weihwasserbecken. Sie nickte und versuchte den Schweiger dabei anzulächeln. Ein aufgesetztes Lächeln, doch das merkte er nicht. Er hatte aber verstanden, dass sie nun allein sein wollte. Mit einer höflichen Verbeugung drehte er sich um und ging hinaus, wobei jeder Schritt auf knarrenden Dielen und Treppenstufen in dem Holzhaus nachhallte.
Müde vor Enttäuschung ließ sie sich auf den Stuhl fallen. Unten räumte der Laienbruder das Essgeschirr vom Tisch, wusch es ab und stellte Stück für Stück in den Schrank. Das konnte sie nicht sehen, jedoch hören und sich vorstellen. Nach getaner Arbeit verließ er das Haus, schob den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn herum. Dann schlurfte er davon, zu den anderen Klostermännern, die ihr schweigsames Leben ihrem Gott gewidmet hatten. Dort befand sich auch der Besucher für einen Abend und eine Nacht, mit dem zusammen sie die Gebirgstour von Grenoble aus hier hinauf gemacht hatte und der nun dieses Vorrecht genoss.

Malwida zog ihr Skizzenbuch aus der Tasche und legte es sich auf die Knie. Mit den Augen verfolgte sie die Windungen des marmorierten Musters auf der Vorderseite. Dann zeichnete sie die Linien mit dem Finger nach. Das leise Wischgeräusch bei der Berührung mit der rauen Pappe dämpfte die innere Unruhe. Sie begann immer wieder von vorne, während sich langsam ihre Gedanken ordneten. Sie öffnete das Fenster und schob die beiden Flügel beiseite. Hinter den Mauern die Gemeinschaft der Männer und sie hier außerhalb der klösterlichen Festung als stille Beobachterin, allein mit ihrem marmorierten Skizzenbuch, das nun aufgeschlagen vor ihr auf der Fensterbank lag. Weich flossen ihre langen Haare über Schultern und Rücken, als sie das Band löste. Dann zeichnete sie, was der Bildausschnitt auf die große Kartause freigab. In der Mitte das Haus mit dem bogenförmigen Eingangsportal, das sie nicht betreten durfte. Hinter hohen Mauern die sichtbaren Teile von Gebäuden mit Fenstern, Dächern und Türmen.
Als die Dämmerung eintrat, war sie mit ihrem Stift längst hoch oben auf dem Bergmassiv angekommen, bei den unzähligen dunklen Tannen, die sich hoch kämpften und unterhalb des Gipfels in einem langen dunklen Saum endeten. Sie zeichnete jede einzelne. Oberhalb schlängelte sich ein Lichtpfad hinauf auf ein silbern strahlendes Plateau, das sie leichten Fußes erreichte. Als sie über die Fläche schwebte, spürte sie ihre Haare und die Schleppe ihres Gewandes frei im Lufthauch wehen. Ein heller Glockenton, ein weiterer und noch einer setzten die Silberstrahlen in tausend und abertausend Schwingungen. Als die Glocke verklungen war, intonierten Stimmen einen Gesang, der ihr nicht fremd war. Als hätte sie Worte und Melodie immer schon gesungen und würde nie damit aufhören, stimmte sie mit ein: Ich zögere nicht, gehe den einsamen Pfad, den jeder geht, der die Wahrheit sucht.
Als dicke weiße Flocken vom Himmel herabwirbelten, sich auf ihrem Gesicht auflösten und kühle Tropfen auf das dunkle Portal hinunterrollten, klappte sie das Skizzenbuch zu und legte es zur Seite. 

Durch lautes Klopfen und die aufgeregte Stimme des Erziehers wurde sie früh am nächsten Morgen geweckt.
„Mademoiselle von Meysenbug, wachen Sie auf. Es gibt Schwierigkeiten. In der Nacht hat es geschneit und die Sicht ist sehr schlecht.“
„Ich weiß, Herr Ludwig“, rief sie. „Warten Sie unten auf mich. Wir besprechen nachher, was wir tun.“
Sie stand auf und zog sich an. Die Nebelschwaden vor ihrem Fenster versetzten sie keinesfalls in Panik. Ihr war, als wäre alle Schwere von ihr gewichen. Auf der Treppe strömte ihr Kaffeeduft entgegen. Im Essraum hatte der Laienbruder ihnen das Frühstück bereitet, frisches Brot, Butter und Honig. Der Erzieher saß mit den Kindern am Tisch. Alle drei schienen auf sie zu warten.
„Ich habe Angst, Tante Malwida“, jammerte Wilhelm.
„Ich auch“, sagte Alphons, der Ruhige. „Das Höllentor finden wir im Nebel gar nicht mehr und wenn das Maultier ausrutscht, bin ich verloren.“
„Das sagt ihr, denen gestern kein Fels zu steil war?“, entgegnete Malwida, lachend, obwohl sie die Angst der Kinder gut verstehen konnte. Auch ihr lief ein Schauer über den Rücken, wenn sie an den Abstieg dachte. Schon bei gutem Wetter war die Tour voller Gefahren gewesen. Heute würden die schmalen Pfade zudem noch rutschig sein. Sie wollte sich das gar nicht ausdenken.
„Hätten wir das doch nie gemacht! Ich will nach Hause“,  jammerte nun Alphons und nahm den Bruder in den Arm.
Warum hatten sie die Kinder eigentlich in diese Gefahr gebracht, fragte sich Malwida. Dennoch wunderte sie sich, wie ruhig sie blieb. Als hätte ein Hauch von Gelassenheit sie berührt.
„Wie sollen wir hinunter in das Tal kommen?“, wandte jetzt der Erzieher ein. „Ihre Schwägerin wird sich große Sorgen machen, wenn wir nicht gegen Mittag zurück sind in Grenoble.“
„Das wird sie“, entgegnete Malwida. „Doch in dieser Situation ist unsere Sicherheit wichtiger, vor allem die Sicherheit der Kinder.“
Herr Ludwig nickte.
„Wir müssen dem Bergführer und seinen Maultieren vertrauen. Nach dem Frühstück werde ich mit dem Mann reden“, fuhr sie fort, obwohl sie der Meinung war, dass das eigentlich die Aufgabe des begleitenden Herrn war. Doch dessen Kenntnisse der französischen Sprache reichten auch nach einem halben Jahr Aufenthalt in der Provence kaum aus, um diese Angelegenheit zu regeln.
„Herr Ludwig, wie war eigentlich die Nacht im Kloster?“, fragte Alphons und sah seinen Erzieher mit gespannter Erwartung an.
„Ja, erzählen Sie mal“, forderte Wilhelm ihn auf.
„Am Eingang empfing mich ein Laienbruder.“
„Ein anderer?“
„Der führte mich in eine Zelle, ziemlich klein mit einem einfachen Bett.“
„Und Kruzifix und Betbank“, unterbrach der Kleinere ungeduldig. „Und war ein Fenster in der Zelle?“
„Ein kleines.“
„Kruzifix und Betbank?“
„Und ein Blechofen war noch da, den brauchte ich aber nicht. Durch das Fenster konnte ich übrigens in einen kleinen Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten sehen.“
‚Nichts gesehen hat er’, dachte Malwida.
„Und wie sah es sonst im Kloster aus? War es groß da drinnen?“, fragte Alphons.
„Lange Gänge, viele Zellentüren, ein Kloster eben. Einen Rundgang durfte ich nicht machen. Zumeist hielt ich mich in meiner Zelle auf.“
„Bis jemand Sie abholte?“, wollte Malwida wissen.
„Ja, bis zur Mitternacht die Glocke läutete. Der Laienbruder nahm mich mit in das so genannte Reflektorium.“
„Mitten in der Nacht?“
„Jede Nacht machen sie das, Wilhelm. Das ist die Regel.“
„Jede Nacht in dieses Reflektorium?“, wunderte sich auch der Bruder. „Reflektorium, ein seltsames Wort.“
„Ja, immer dort. Das Reflektorium ist ein großer Raum mit hohen Fenstern. Wie eine Kirche müsst Ihr euch das vorstellen. Lange Betbänke an den zwei Seitenwänden.“
„Und wie viele Klostermänner waren um Mitternacht in diesem Reflektorium?“, setzte der Kleine nach.
„Alle, denke ich. Doch wie überall, wurde auch hier nicht gesprochen. So konnte ich niemanden fragen. Ich schätze, es waren ungefähr siebzig. Einer der Patres stimmte einen Gesang an und der ganze Chor setzte mit ein, Gregorianische Gesänge nennt man das.“
„Haben Sie sich die Texte gemerkt?“, wollte Malwida wissen.
„Texte? So genau weiß ich das nicht mehr.“
„Ach, das haben sie gar nicht gehört?“
„Wichtiger war die Atmosphäre. Die war sehr bewegend.“
Wenn sie jetzt antworten würde, gäbe es wieder ein Streitgespräch mit diesem Mann. Darin sah sie schon längst keinen Sinn mehr. Wahrscheinlich beherrschte Herr Ludwig die lateinische Sprache ebenso wenig wie die französische, dachte sie und ging hinaus.
Draußen war keine Spur mehr von Nebel und Schnee, der Regen hatte nachgelassen und die Sonne blinzelte zwischen den Wolken.
Mit einigen Stunden Verzögerung kamen sie dank der Erfahrung des Bergführers und der unglaublichen Gebirgstauglichkeit seiner Maultiere wohlbehalten unten im Dorf und später in Genoble an, wo Caroline sich schon das Schlimmste ausgemalt hatte und nun sehr erleichtert war.

Die Weiterfahrt in nördliche Richtung führte am 14. Mai 1845 nach Savoyen über Chambéry bis Aix-les-Bains. In der Abenddämmerung saß Malwida  am Ufer des „Lac du Bourget“, der eine seltsam traurige Stimmung mit ihr zu teilen schien. Ihr war, als ob die Sehnsucht sich mit dem leichten Dunst über dem Wasser niederließ und sie träumte sich in die kleine Barke, neben sich den Geliebten, an dessen Schulter sie sich anlehnte. Es war, als würde das kleine Boot zusammen mit ihnen in das Buch schweben, dem sie immer und immer wieder von traurigen und glücklichen Momenten erzählen konnte. Bild und Zeilen dieser einsamen Abendstunde widmete sie ihrem Freund im fernen Detmold, dem sie auf dieser Rückreise täglich ein Stück näher kam.

Als sie am Tag darauf Frankreich verließen und in die Schweiz einreisten, musste sich Malwida auch von ihrer geliebten französischen Sprache verabschieden. Die Gruppe machte Station am See von Neuchâtel und am Bieler See, bevor man auf der Strecke nördlich des Genfer Sees ein letztes Mal über dem gegenüberliegenden Südufer die prächtige Bergkulisse mit schneebedeckten Alpengipfeln bestaunen konnte. Malwida dokumentierte mit dem Bleistift soviel es ging und es entstanden noch ein paar wunderbare Zeichnungen.
Von Solothurn aus ging es zurück nach Deutschland. Caroline fuhr mit Kindern und Bediensteten zu ihrem Mann Friedrich von Meysenbug nach Frankfurt. Malwida nahm das Schiff rheinaufwärts und erreichte am 31. Mai 1845 die Stadt Köln, von wo sie mit der Postkutsche in die lippische Residenzstadt Detmold zurückkehrte.



Freitag, 8. Dezember 2017

Theodors letztes Weihnachtsfest



Kurz vor Weihnachten fühlte er sich immerhin so kräftig, dass er seiner Schwester nach Berlin einen langen Brief schreiben konnte. Er bedankte sich für die Köstlichkeiten und die warme Decke, die sie ihm in einem großen Paket geschickt hatte und beschrieb, wie er im Sofa saß und es sich mit schönen warmen Füßen unter der Decke und Elisabeths Leckereien gemütlich machte. Er berichtete von der lieben Frau Seebach, der Krankenwärterin, die abends beim Zubettgehen auch immer darauf achtete, dass er schöne warme Füße habe. Mit Wehmut dachte er an das bevorstehende Weihnachtsfest und schrieb von einer schlank gewachsenen dunklen Tanne vor seinem Fenster gerade so hoch, daß sie mit ihrer schönen Krone wohl Platz hätte zum Fest in einem hohen weiten Saale, wo ganze Scharen von Kindern in ihrem Lichterkranz tanzen könnten.
Obwohl Verwandte und Freunde ihn zu Weihnachten wieder mit Geschenken und Aufmerksamkeiten erfreuten, vermisste er seine Lieben weit mehr als im Vorjahr im Gefängnis. Er fühlte sich sehr einsam, war aber getröstet durch einen stillen jungen Mann, mit dem Frau Seebach ihn zusammengebracht hatte und der am zweiten Feiertag bei Tee und Kuchen ein paar Stunden mit ihm verbrachte, wobei Theodor ihm eingehend von vergangenen Zeiten erzählen musste, als er noch mit Arnold Ruge, Moritz Hartmann und Eduard Meißner in Leipzig gemeinsame Träume hatte.
Nach Weihnachten besuchte ihn Malwida von Meysenbug. In ihren Memoiren berichtete sie darüber: „Ich fand ihn auf dem Sofa liegend, er schien tief gerührt, mich zu sehen. Ich war bis in das Innerste erschüttert von seinem Anblick und dachte, dass das nicht die einzigen Helden sind, die auf dem Schlachtfeld für die Freiheit sterben. Er starb ja auch, ein Kämpfer, an den Folgen des Kampfes. Sein Zimmer war gross und luftig, aber es war doch das Zimmer eines Hospitals, und er war allein da, fern von allen, die er liebte. Er war noch nicht dreissig Jahr, aber er schien mindestens vierzig; ein langer schwarzer Bart hob seine Blässe und Magerkeit noch mehr hervor, und wenn ein Lächeln auf seine Lippen kam, so war es traurig zum Weinen.“
Die Freundin hatte sich in einem Gasthof eingemietet und blieb eine Woche in Gotha. Täglich besuchte sie Theodor und blieb so lange, bis er sich ausruhen musste. Auch den Silvesterabend verbrachten sie mit Erinnerungen an ihre Zeit in Detmold, ihre gemeinsamen Ideale von Liebe und Freiheit und an seine Mutter. Bevor Malwida Gotha verließ, besorgte sie ihm einen bequemen Lehnstuhl, weil ihr aufgefallen war, wie schwer das Sofasitzen ihm fiel. Malwida erinnert sich:  „Er war sehr gerührt, und als er mir die Hand zum Abschied reichte, sagte er mit bewegter Stimme: 'Man hat behaupten wollen, dass die demokratischen Frauen kein Herz hätten; es ist an mir, dem zu widersprechen.’“


Auszug aus:

Freitag, 24. März 2017

31. März 1848: Vorparlament in der Paulskirche




Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.
Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

aus: Malwida und der Demokrag

mehr zu Vormärz und Revolution: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: 
Der Einzug des Vorparlaments in die Paulskirche am 31. März 1848, Frankfurt am Main
gemeinfrei bei Wikipedia

Donnerstag, 27. Oktober 2016

28. Oktober 1816: Malwida von Meysenbug wird in Kassel geboren















1816 Malwida von Meysenbug wird am 28. Oktober  in Kassel geboren
1830 Familie muss Kassel verlassen.
1832 Umzug nach Detmold
1843 Predigt von Theodor Althaus in Detmold
1844/45 Winteraufenthalt in Hyères in der Provence, Liebe zu Theodor
1847 Tod des Vaters in Frankfurt
1848 Vorparlament in Frankfurt,  Distanz zu Theodor
1849 Reise nach Ostende
1850 Hamburger Frauenhochschule
1851 Theodors Erkrankung
1852 Theodors Tod, Emigration nach London, wohnt zunächst bei Johanna  und Gottfried Kinkel
1853 Erzieherin bei Alexander Herzen in London
1857 Bekanntschaft mit Guiseppe Mazzini
1859 Paris
1861 London
1865 Florenz
1869 „Memoiren einer Idealistin“ in französischer Sprache
1876 mit Nietzsche, Bree und Brenner in Sorrent
1877 Wohnung in der Via Polveriera in Rom
1882 bei Cosima und Richard Wagner in Bayreuth
1890 Begegnungen mit Roman Rolland in Rom
1903 Tod Malwida von Meysenbugs am 26. April in Rom




DOWNLOAD ► Malwida und der Demokrat (1845-1852)








Mittwoch, 12. Oktober 2016

Nordischer Wintergarten. Gedichte für Malwida


Wie ein Nordischer Wintergarten musste Theodor Althaus die kleine Welt in Detmold vorgekommen sein, als seine Freundin Malwida von Meysenbug Ende September 1844 für einige Monate in die Provence gereist war. Ohne berufliche Perspektive nach dem Abschluss seines Studiums waren die Gespräche mit ihr mehr als nur Lichtblicke. Er hatte sich verliebt in die Frau, die seit seiner ersten Predigt in ihm einen jungen Apostel sah, dessen Botschaften sie im tiefsten Herzen trafen. Seine poetischen Abschiedsgrüße gab er ihr mit auf den Weg und schrieb weitere Gedichte, die er ihr widmete.

Leseprobe:











Mir ist in geistigem Schauern
Eines Liedes Seele erwacht
Ein Lied voll heiligem Trauern
            Wie die süße Sternennacht

Es glüht, es ist unverloren
Noch ruft es wankend in mir.
Doch es sehnt sich zu werden geboren
Und zu rufen im Herzen nach dir.




Montag, 10. Oktober 2016

"Der junge Apostel"

Im Frühling sollten wir zurückgehen in unsere kleine Residenz im Norden. Es war mir ein herzzerreissender Schmerz, für den ich keine Worte hatte, den Stunden entsagen zu müssen, die mir so viel Glück gaben; es schien, als wenn ich dem Heil meiner Seele entsagen müsste. Ausserdem bot mir auch die Stadt, in der wir jetzt lebten [Frankfurt am Main], trotz unseres zurückgezogenen Lebens eine Menge geistiger Hülfsquellen, nach denen ich immer mehr Verlangen trug. Unsere kleine Residenz, die ich sonst so geliebt hatte, erschien mir jetzt mit ihren engen gesellschaftlichen Beziehungen wie ein Exil. Dennoch musste es geschieden sein. Der einzige Trost, den ich zu finden wusste, war, meinen Lehrer [Morgenstern] zu bitten, einen künstlerischen Briefwechsel mit mir zu unterhalten, was er auch versprach, da er mein Scheiden auch herzlich beklagte. Meine erste Sorge, nach der Rückkehr in unsere nunmehrige kleine Heimat, war die Einrichtung eines Ateliers für mich, in welchem ich, allein und versunken in die Kunst, Stunden des Glücks und des angestrengten Studiums verbrachte. Ich ging auch aus, um nach der Natur zu zeichnen; aber die Landschaft, die ich vor Augen hatte, gefiel mir nicht mehr, seit ich mich an den unaussprechlichen Reiz der südlichen Natur, die ich aus den Bildern meines Meisters kannte, gewöhnt hatte. Ausnahmen hiervon waren jedoch die Bäume und die Waldpartien, mit ihrem geheimnisvollen Halbdunkel und den Sonnenstreifen, welche durch das Laub fielen und auf dem Moosboden spielten. Diese sind die wahre Poesie der Landschaft im nördlichen Deutschland, und das war es vielleicht, weshalb die Völker dieser Gegenden in ihrem Kindesalter die Wälder und Bäume zu Heiligtümern stempelten und ihren Wodan im heiligen Eichenhain verehrten. Aber für die eigentliche Landschaft erschien mir nur das Grün nicht malerisch. Blau, Violett, Gelb, Rot geben jene Farbentöne, die im Süden dem Auge wohlgefallen. Vielleicht kommt es daher, dass auch der hohe Norden, wo die nackten Felsen, der Schnee und das tiefblaue Meer vorherrschen, malerischer ist, als die gesegneten Länder der Mitte, wo das Grün überwiegt.
Ausserdem war ich aber auch noch in der kleinen Stadt zu sehr der Hülfsmittel zur Entwicklung beraubt, denn es war da nicht allein keine Galerie, sondern nicht einmal ein gutes Bild, keine Künstler und kauf einiger wenige Personen, die wussten, was Malerei ist. Meine ewig suchende Natur griff wiedr nach anderen Auswegen. Die alten religiösen Fragen erwachten in neuer Weise. Ich fürchtete die Kritik nicht mehr; ich ging nur äusserst selten noch in die Kirche, weil ich keine neuen Gedanken, keine wirkliche Erleuchtung dort fand. Eines Tages sagte man mir, dass der älteste Sohn meines Religionslehrers, der sich gerade während der Universitätsferien zu Haus befände, am folgenden Sonntag in der Kirche predigen würde, da er Theolog sei wie sein Vater. Ich ging zur Kirche, um zu sehen, was aus dem blassen stillen Knaben, den ich einst im Zimmer seiner Mutter hatte arbeiten sehen, geworden sei. Nach dem Gesang der Gemeinde, welcher der Predigt vorausgeht, stieg ein junger Mann, in schwarzem Talare, auf die Kanzel, beugte das Haupt und verblieb einige Minuten in stillem Gebet. Ich hatte Zeit ihn anzusehen. Er war groß wie sein Vater, aber sein Kopf hatte einen Typus, der in jenen Gegenden, wo er geboren war nicht häufig ist. Sein Gesicht war bleich mit scharf geschnittenen, edlen Zügen, wie man sie bei den südlichen Rassen findet. Lange und dichte schwarze Haare fielen ihm bis auf die Schultern; seine Stirn war die der Denker, der Märtyrer. Als er zu sprechen begann, wurde ich sympathisch berührt durch den Klang seiner tiefen, sonoren und doch angenehmen Stimme. Bald aber vergaß ich alles andere über den Inhalt seiner Predigt. Das war nicht mehr die sentimentale Moral, noch die steife kalte Unbestimmtheit der protestantischen Orthodoxie, wie beim Vater. das war ein jugendlicher Bergstrom, der daherbrauste voller Poesie und neuer belebender Gedanken. Das war die reine Flamme einer ganz idealen Seele, gepaart mit der Stärke einer mächtigen Intelligenz, die der schärfsten Kritik fähig war. Das war ein junger Herder, welcher, indem er das Evangelium predigte, die höchsten philosophischen Ideen zur Geschichte der Menschheit entwickelte. Ich war auf das tiefste und glücklichste bewegt. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte ich meiner Mutter von dem Gehörten und sagte ihr mit Enthusiasmus: „Wenn dieser junge Mann hier bleibt, so wird dies kleine Land eine grosse Zukunft haben.“
Einige Tage nachher hing meine Mutter abends zur Ressource [Raum im Detmolder Rathaus für gesellschaftliche Veranstaltungen]: ich ging nicht mit. Mein früherer Lehrer hatte ihr seinen Sohn vorgestellt, und sie kam ebenso enthusiasmiert zurück, wie ich aus der Kirche gekommen war. „Er ist das Ideal eines jungen Mannes,“ sagte sie. Ich bedauerte, nicht dort gewesen zu sein und doch wünschte ich beinah nicht, meinem jungen Apostel auf neutralem Wege zu begegnen. Er hatte in meiner Phantasie schon Platz genommen als der inspirierte Prophet einer neuen Wahrheit. Ich sah ihn in dem Jahr [1843] auch nicht wieder, denn er kehrte auf die Universität zurück.
Ich aber fühlte, dass ich das bloss kontemplative Leben verlassen müsse, um zur Tat zu kommen. Die heiligen Freuden, die ich beim Malen genoss, schienen mir zu egoistisch, wenn ich nicht zugleich mich des Leidens erbarme, das ich überall um mich sah; wenn das Mitleid, welches mir die wahre Essenz des Christentums zu sein schien, sich nicht in Taten verwirkliche. Ich beschloss zu ersuchen, einen Verein der Arbeit für Arme zu gründen. Ich sprach darüber mit den jungen Damen meiner Bekanntschaft. Man zuckte die Achseln, man zweifelte am Erfolg, aber es gelang mir, eine kleine Anzahl zu vereinigen, und wir fingen mit einer ganz einfachen Organisation an. Man vereinigte sich einmal wöchentlich in den Häusern der Beteiligten, und man legte jedes Mal einen so kleinen Betrag in die Vereinskasse, dass es niemand lästig fiel. Diese Beiträge dienten dazu, das Material zur Arbeit zu kaufen; sie wurden durch freiwillige Gaben noch erhöht. An den Vereinstagen arbeitete man so das ganze Jahr hindurch Kleidungsstücke für die Armen und verteilte sie am Weihnachtsabend. Von Kindheit auf hatte ich diesen Tag der intimsten häuslichen Freude, so wie er so schön in Deutschland gefeiert wird, als einen Tag angesehen, an dem man suchen sollte, auch die Armen zu erfreuen. Das kleine Unternehmen gelang immer besser. Bald wollten alle jungen Mädchen der Gesellschaft aufgenommen sein. Die Menge der Arbeit, die man mit so bescheidenen Mitteln anfertigte, war wirklich nicht unbedeutend. Unter den jungen Mädchen, welche der Gesellschaft beitraten, waren auch die zwei Schwestern des jungen Apostels.  Ich kannte die ältere; sie war schön und gut, aber sie hatte mich nie sehr interessiert. Die zweite trat nur eben erst in den Kreis der Erwachsenen ein. Sie war viel jünger wie ich, und ich hatte sie nur als ein Kind gekannt. Jetzt, durch die unerklärliche Anziehungskraft, welche über die Geschicke der Menschen entscheidet, zu einander hingezogen, näherten wir uns einander von Anfang an, und bald entstand zwischen uns, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, eine wirkliche Herzensfreundschaft. Man liebte meine junge Freundin dort nicht so wie ihre Schwester, welche ein allgemein gefälliges Wesen hatte. Man fand die jüngere affektiert und extravagant, weil sei, mit siebzehn Jahren, die ernsten Gespräche dem frivolen Geschwätz vorzog, und sich dann frei hingab, wenn sie durch das Interesse am Gespräch hingerissen wurde. Dagegen bleib sie verlegen, stumm, linkisch in den gewöhnlichen geselligen Beziehungen. Ich verstand sie darin nur zu wohl, und ich sah mit Entzücken ihre reiche Natur vor mir sich in mannigfaltigster Weise offenbaren. In kurzer Zeit war ich mit ihr viel intimer wie mit den andern. Sie sprach mir oft von ihrem Bruder, den sie leidenschaftlich liebte; er war ihr alles, ihre Liebe für ihn war ein wahrer Kultus. Ich hörte ihr mit tiefem Anteil zu, und das Bild des jungen Apostels wurde mir dadurch noch teurer. Man erwartete ihn in der Familie im Frühjahr bei seiner Rückkehr von der universität. Die Schwester bebte vor Wonne, wenn sie daran achte, denn er sollte lange bleiben, um sein Examen als Kandidat der Theologie zu machen.
Ich erwartete ihn auch mit Freude; ich wusste, dass er mir neues Licht mitbringen würde, und ausserdem war er der angebetete Bruder von der, die jetzt in meinem Herzen herrschte.
Als er endlich angekommen war, erhielten meine Schwester und ich eine Einladung von seinen Schwestern, den Abend da zuzubringen. Kaum waren wir dort angelangt, als die Tür sich öffnete und der Bruder eintrat. Er setzte sich neben mich, und das Gespräch wurde sofort sehr belebt. Es war sonderbar, wie unsere Ansichten in allen wichtigsten Punkten zusammentragen. Wir sagen uns mit Erstaunen an, denn es schien, als ob das Wort des einen immer aus den Gedanken des andern komme. Als wir gingen, blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und sah mich wie im Traume an, als ich ihm Lebewohl sagte.
Einige Tage darauf wurden, auf meine Bitte, seine Schwestern und er zu uns gebeten. Ich war auch da schon wieder unter dem Einfluss jenes innern Zwanges, der mir so viele Stunden meines Lebens verdorben hat – dieser sonderbaren Unmöglichkeit, frei mein Herz zu öffnen, wo es sich am liebsten frei gegeben hätte. Doch hatte ich zuletzt noch einen Augenblick lang allein mit ihm ein Gespräch, dessen Gegenstand die zweite Schwester war, die er nur die „Kleine“ nannte. Die Liebe, die wir beide für sie hatten, machte mich beredt. Indem ich meiner Liebe für sie Ausdruck gab, fühlte ich, dass der Bruder fortan der dritte sein würde in diesem Bunde, welcher bereits einen Teil meines Lebens ausmachte.
Meine Mutter und Schwestern beschlossen zum Abendmahl zu gehen. Es war dies nur zwei oder drei Mal dr Fall gewesen seit jenem Tag der Qual, und ich war immer noch nicht ruhig in diesem Punkt. Dieses Mal beschloss ich zu einer Lösung zu kommen. Ich wandte mich an meinen früheren Lehrer, dem ich mich wieder genähert hatte durch die Freundschaft mit seiner jüngeren Tochter. Ich schrieb ihm einen Brief, in welchem ich ihm ohne Rückhalt meine Zweifel und Bedenken auseinandersetzte. Ich bekannte, dass ich das Geheimnis der Gnade nie dabei erfahren hätte, und dass ich schliesslich beinahe zu der Ansicht gekommen sei, dass diese Zeremonie wohl nur als ein Symbol der grossen Brüdergemeinschaft angesehen werden müsse, zu welcher Christus die Menschen führen wollte und für deren Verwirklichung er den Tod am Kreuze starb. Ich bat ihn, mir eine Stunde zu bestimmen, in welcher wir diesen Gegenstand mündlich besprechen könnten. Er bewilligte mir dieselbe und war liebenswürdig wie immer, machte mir keinen Vorwurf über das, was ich ihm bekannte, gab mir aber auch keine positive Ansicht über den Gegenstand. Ich fing an zu vermuten, das er selbst keine habe. Endlich wendete er das Gespräch auf andere Dinge und erzählte mir u. a., dass sein Sohn beinahe immer zu Hause sei, weil ihn die Gesellschaft seiner früheren Schulkameraden, die ihr halbes Leben auf der Ressource, bei Billard und Karten verbrächten, zu sehr langweile.
„Er hat vollkommen recht“, sagte ich.
„Vielleicht ja“, erwiderte der Vater, „aber auf diese Weise wird er bald genug isoliert sein. Sie werden ihn hassen, weil er besser sein will, wie sie.“
„Nun, in diesem Fall ist es besser, allein und gehasst zu sein.“
Einige Tage nachher kam meine Mutter mit einem Brief in der Hand und sagte: „Bereite dich vor auf ein grosses Glück.“ Der Brief kam von meinem Vater und kündigte mir an, dass meine Schwägerin, die Frau meines ältesten Bruders, den Winter ihrer Gesundheit wegen im Süden zubringen müsse und da mein Bruder sie nicht begleiten könne, mich zur Gesellschaft wünsche. Mein Vater hatte es bewilligt. Ich leibte diese Schwägerin leidenschaftlich, und obgleich sie und mein Bruder meist fern von uns lebten, so war doch auch ich ihr besonders wert. Sie wollte den Winter in der Provence zubringen und dann durch das nördliche Italien zurückkehren. Nach dem Süden gehen, nach Italien! Seit meiner Kindheit war Italien as Land meiner Träume, das Land der Wunder, zu welchem meine Wünsche in ihrem kühnsten Fluge hineilten. Ich war noch ganz klein, als ein teurer Hausfreund, ein geistvoller Künstler, der lange in Italien gelebt hatte, die Wunder jenes Landes in Bild und Wort in unserem Hause gleichsam lebendig mache; meine Phantasie war davon erfüllt. Zugleich kannte ich den Namen Goethe durch meine Mutter als den des allerverehrungswürdigsten Menschen unter allen, die lebten. Da hatte sich denn in meiner kindlichen Phantasie ein Traumbild entsponnen, das mehrere Jahre meiner Kindheit durch fortlebte, ohne dass ich es jemals jemand mitgeteilt hätte. Ich dachte mir, irgend ein gütiges Verhängnis müsse es so fügen, dass ich eine Reise nach Italien machen über Weimar zurückkehren und zu den Füssen Goethes sitzen könne, von dem ich mir dachte, er müsse aussehen wie einer der Weisen aus dem Morgenland. Als ich hörte, dass Goethe gestorben sei, ging es mir wie ein bittrer Schmerz durch das Herz; ich konnte es lange nicht überwinden, dass auch so ein Grosser sterblich und dass die Verwirklichung meines Traumes nun unmöglich sei. Jetzt sollte der kindliche Traum zur Hälfte doch Wahrheit werden. Meine Seele sollte ihre Flügel entfalten und ihren Flug in das unbekannte Land der Sehnsucht nehmen, das mir wie mein wahres Vaterland erschien. Es schien zu schön, um wahr zu sein, und es war doch so. Ich war still, wie immer in den ergreifendsten Augenblicken meines Lebens. Aber es war mir, als ob das Ideal, nach dem mein Leben eine beständige Wallfahr war, mich dort erwarte, in jeder Ferne, und mir eine Krone über meinem Haupt in den Wolken zeige.
Das einzig Peinliche dabei war mir, dieses Glück meiner Schwester zu verkünden, der treuen Gefährtin meines bisherigen Lebens, mit der ich bis dahin alles, Gutes und Böses, geteilt hatte. Sie empfing die Nachricht jedoch mit der liebenswürdigsten Hingebung und mit stiller Resignation, wie es in ihrer Natur lag, und half mir mit der gütigsten Bereitwilligkeit die Vorbereitungen zur Reise machen. Während der Beschäftigung damit fühlte ich auch, neen dem grossen Glück, ein tiefes Bedauern, zu gehen. Ich sah es wieder in besonderer Weise ei dieser Gelegenheit, wie sehr ich in unserer Familie und in unserem ganzen Kreise geliebt wurde. Meine Reise erregte allgemeine Sympathie. Zwei Tage vor meiner Abreise verbrachten die „Kleine und ihr Bruder den Abend bei uns. Sie freuten sich für mich, aber sie bedauerten auch mein Scheiden und hätten mit mir ziehen mögen.
Der Moment des Scheidens kam endlich. Ich musste sehr früh am Morgen mit dem Postwagen abfahren, denn Eisenbahnen gab es damals in jenen Gegenden noch nicht. Meine Mutter schleif, ich wollte sie nicht wecken, um ihr die Erregung des Abschieds zu ersparen, denn sie entließ mich doch mit schwerem Herzen für so lange und so weit; eine Reise nach Italien [allerdings ging die Reise nach Hyères in der Provence] war damals noch ein bedenkliches Unternehmen Ich nahm einen stummen Abschied, unter heißen Segenswünschen, vor ihrem Bett und begab mich zur Post, begleitet von meiner treuen Schwester [Laura]. Dort fanden wir die „Kleine“ [Elisabeth Althaus] und ihren Bruder. Ich umarmte die Kleine noch einmal, gab dem Bruder noch einmal die Hand. Er gab mir einen Blumenstauß, an dem ein Brief angebunden war, der anstatt der Adresse diese Worte Tassos enthielt: „I suoi pensieri in lui dormir non ponno“ [Seine Gedanken lassen ihn keinen Schlaf finden]. Ich stieg in den Wagen, hielt den Strauß und den Brief in meiner Hand und fühlte mich wie gesegnet von einer guten Gottheit. Nach einigen Stunden hielt der Postwagen in einem kleinen Ort, wo die Reisenden zu Mittag aßen. Ich ging statt dessen in den Garten des Posthofs und öffnete meinen Brief. Es waren Verse: ein Abschiedssonett und ein längeres Gedicht, welches er nach einem unserer letzten Gespräche und einem darauf folgenden Spaziergang und prächtigen Sonnenuntergang gedichtet hatte. Es war eine Vision, die vor seinem Geist die strengen Denker des Nordens hatte vorüberziehen lassen, deren Sehnen, aus ihren schweren Kämpfen heraus, sie immer nach dem Süden, dem Symbol der  Harmonie und die vollendeten Schönheit, gezogen habe, ganz besonders in Deutschland, wo diese Sehnsucht sich in jeder tiefen, strebenden Natur wiederhole. Auf ihrem Zuge dorthin redete er zunächst die Alpen an, deren Spitzen im Sonnenschein glühten:

„Ihr Alpen seid gegrüßt, ihr ew’gen Mauern,
Die unsrer Erde Paradies beschützen;
Ihr Niegeseh’nen füllt mit heil’gen Schauern
Ein Herz, das Schnee und Wolken möchte fragen
Und Antwort lesen möchte’ im Sturm und Blitzen.“

Am Ende sprach er davon, wie auch die besten Sterne seines eignen Lebens ihm den Weg nach Süden gezeigt hätten, selbst der letzte, der kaum aufgegangen, schon weiter ziehe, um dort unten zu leuchten.

„Doch flüstert sie mir zu: Ich ziehe gern.
Ja, du hast recht, den Winter lass dem Norden,
Mich lass mit Wort und Tat den Süd verdienen.“

Das Meer von stillem Glück, das in mir zurückblieb, als ich gelesen hatte, lässt sich nicht mit Worten beschrieben. Es war der Friede inmitten der Erregung, die Freude ohne Flecken, ohne heftigen Wunsch – ein Frühlingsmorgen, wo alles Duft ist und Harmonie und Hoffnung auf den Sommer, der folgen soll.
In der Stadt angekommen, wo ich und eine Dame, mit der ich reiste, die Nacht zubringen sollten, schrieb ich ihm eine Antwort, auch in Versen, welche ich seiner Schwester zuschickte, um sie ihm zu übergeben.

Auszug aus „Memoiren einer Idealistin“, Volksausgabe, Schuster und Löffler, Berlin und Leipzig, 3. Auflage Dezember 1881 (S. 117-130)

Bildquelle: Theodor Althaus 1843, Bleistiftzeichnung von Malwida von Meysenbug 
„Erinnerung an die Tage vom 26t bis zum 30t November 1843“
Staatsarchiv Detmold D 75 Nr. 7567