Montag, 10. Oktober 2016

"Der junge Apostel"

Im Frühling sollten wir zurückgehen in unsere kleine Residenz im Norden. Es war mir ein herzzerreissender Schmerz, für den ich keine Worte hatte, den Stunden entsagen zu müssen, die mir so viel Glück gaben; es schien, als wenn ich dem Heil meiner Seele entsagen müsste. Ausserdem bot mir auch die Stadt, in der wir jetzt lebten [Frankfurt am Main], trotz unseres zurückgezogenen Lebens eine Menge geistiger Hülfsquellen, nach denen ich immer mehr Verlangen trug. Unsere kleine Residenz, die ich sonst so geliebt hatte, erschien mir jetzt mit ihren engen gesellschaftlichen Beziehungen wie ein Exil. Dennoch musste es geschieden sein. Der einzige Trost, den ich zu finden wusste, war, meinen Lehrer [Morgenstern] zu bitten, einen künstlerischen Briefwechsel mit mir zu unterhalten, was er auch versprach, da er mein Scheiden auch herzlich beklagte. Meine erste Sorge, nach der Rückkehr in unsere nunmehrige kleine Heimat, war die Einrichtung eines Ateliers für mich, in welchem ich, allein und versunken in die Kunst, Stunden des Glücks und des angestrengten Studiums verbrachte. Ich ging auch aus, um nach der Natur zu zeichnen; aber die Landschaft, die ich vor Augen hatte, gefiel mir nicht mehr, seit ich mich an den unaussprechlichen Reiz der südlichen Natur, die ich aus den Bildern meines Meisters kannte, gewöhnt hatte. Ausnahmen hiervon waren jedoch die Bäume und die Waldpartien, mit ihrem geheimnisvollen Halbdunkel und den Sonnenstreifen, welche durch das Laub fielen und auf dem Moosboden spielten. Diese sind die wahre Poesie der Landschaft im nördlichen Deutschland, und das war es vielleicht, weshalb die Völker dieser Gegenden in ihrem Kindesalter die Wälder und Bäume zu Heiligtümern stempelten und ihren Wodan im heiligen Eichenhain verehrten. Aber für die eigentliche Landschaft erschien mir nur das Grün nicht malerisch. Blau, Violett, Gelb, Rot geben jene Farbentöne, die im Süden dem Auge wohlgefallen. Vielleicht kommt es daher, dass auch der hohe Norden, wo die nackten Felsen, der Schnee und das tiefblaue Meer vorherrschen, malerischer ist, als die gesegneten Länder der Mitte, wo das Grün überwiegt.
Ausserdem war ich aber auch noch in der kleinen Stadt zu sehr der Hülfsmittel zur Entwicklung beraubt, denn es war da nicht allein keine Galerie, sondern nicht einmal ein gutes Bild, keine Künstler und kauf einiger wenige Personen, die wussten, was Malerei ist. Meine ewig suchende Natur griff wiedr nach anderen Auswegen. Die alten religiösen Fragen erwachten in neuer Weise. Ich fürchtete die Kritik nicht mehr; ich ging nur äusserst selten noch in die Kirche, weil ich keine neuen Gedanken, keine wirkliche Erleuchtung dort fand. Eines Tages sagte man mir, dass der älteste Sohn meines Religionslehrers, der sich gerade während der Universitätsferien zu Haus befände, am folgenden Sonntag in der Kirche predigen würde, da er Theolog sei wie sein Vater. Ich ging zur Kirche, um zu sehen, was aus dem blassen stillen Knaben, den ich einst im Zimmer seiner Mutter hatte arbeiten sehen, geworden sei. Nach dem Gesang der Gemeinde, welcher der Predigt vorausgeht, stieg ein junger Mann, in schwarzem Talare, auf die Kanzel, beugte das Haupt und verblieb einige Minuten in stillem Gebet. Ich hatte Zeit ihn anzusehen. Er war groß wie sein Vater, aber sein Kopf hatte einen Typus, der in jenen Gegenden, wo er geboren war nicht häufig ist. Sein Gesicht war bleich mit scharf geschnittenen, edlen Zügen, wie man sie bei den südlichen Rassen findet. Lange und dichte schwarze Haare fielen ihm bis auf die Schultern; seine Stirn war die der Denker, der Märtyrer. Als er zu sprechen begann, wurde ich sympathisch berührt durch den Klang seiner tiefen, sonoren und doch angenehmen Stimme. Bald aber vergaß ich alles andere über den Inhalt seiner Predigt. Das war nicht mehr die sentimentale Moral, noch die steife kalte Unbestimmtheit der protestantischen Orthodoxie, wie beim Vater. das war ein jugendlicher Bergstrom, der daherbrauste voller Poesie und neuer belebender Gedanken. Das war die reine Flamme einer ganz idealen Seele, gepaart mit der Stärke einer mächtigen Intelligenz, die der schärfsten Kritik fähig war. Das war ein junger Herder, welcher, indem er das Evangelium predigte, die höchsten philosophischen Ideen zur Geschichte der Menschheit entwickelte. Ich war auf das tiefste und glücklichste bewegt. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte ich meiner Mutter von dem Gehörten und sagte ihr mit Enthusiasmus: „Wenn dieser junge Mann hier bleibt, so wird dies kleine Land eine grosse Zukunft haben.“
Einige Tage nachher hing meine Mutter abends zur Ressource [Raum im Detmolder Rathaus für gesellschaftliche Veranstaltungen]: ich ging nicht mit. Mein früherer Lehrer hatte ihr seinen Sohn vorgestellt, und sie kam ebenso enthusiasmiert zurück, wie ich aus der Kirche gekommen war. „Er ist das Ideal eines jungen Mannes,“ sagte sie. Ich bedauerte, nicht dort gewesen zu sein und doch wünschte ich beinah nicht, meinem jungen Apostel auf neutralem Wege zu begegnen. Er hatte in meiner Phantasie schon Platz genommen als der inspirierte Prophet einer neuen Wahrheit. Ich sah ihn in dem Jahr [1843] auch nicht wieder, denn er kehrte auf die Universität zurück.
Ich aber fühlte, dass ich das bloss kontemplative Leben verlassen müsse, um zur Tat zu kommen. Die heiligen Freuden, die ich beim Malen genoss, schienen mir zu egoistisch, wenn ich nicht zugleich mich des Leidens erbarme, das ich überall um mich sah; wenn das Mitleid, welches mir die wahre Essenz des Christentums zu sein schien, sich nicht in Taten verwirkliche. Ich beschloss zu ersuchen, einen Verein der Arbeit für Arme zu gründen. Ich sprach darüber mit den jungen Damen meiner Bekanntschaft. Man zuckte die Achseln, man zweifelte am Erfolg, aber es gelang mir, eine kleine Anzahl zu vereinigen, und wir fingen mit einer ganz einfachen Organisation an. Man vereinigte sich einmal wöchentlich in den Häusern der Beteiligten, und man legte jedes Mal einen so kleinen Betrag in die Vereinskasse, dass es niemand lästig fiel. Diese Beiträge dienten dazu, das Material zur Arbeit zu kaufen; sie wurden durch freiwillige Gaben noch erhöht. An den Vereinstagen arbeitete man so das ganze Jahr hindurch Kleidungsstücke für die Armen und verteilte sie am Weihnachtsabend. Von Kindheit auf hatte ich diesen Tag der intimsten häuslichen Freude, so wie er so schön in Deutschland gefeiert wird, als einen Tag angesehen, an dem man suchen sollte, auch die Armen zu erfreuen. Das kleine Unternehmen gelang immer besser. Bald wollten alle jungen Mädchen der Gesellschaft aufgenommen sein. Die Menge der Arbeit, die man mit so bescheidenen Mitteln anfertigte, war wirklich nicht unbedeutend. Unter den jungen Mädchen, welche der Gesellschaft beitraten, waren auch die zwei Schwestern des jungen Apostels.  Ich kannte die ältere; sie war schön und gut, aber sie hatte mich nie sehr interessiert. Die zweite trat nur eben erst in den Kreis der Erwachsenen ein. Sie war viel jünger wie ich, und ich hatte sie nur als ein Kind gekannt. Jetzt, durch die unerklärliche Anziehungskraft, welche über die Geschicke der Menschen entscheidet, zu einander hingezogen, näherten wir uns einander von Anfang an, und bald entstand zwischen uns, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, eine wirkliche Herzensfreundschaft. Man liebte meine junge Freundin dort nicht so wie ihre Schwester, welche ein allgemein gefälliges Wesen hatte. Man fand die jüngere affektiert und extravagant, weil sei, mit siebzehn Jahren, die ernsten Gespräche dem frivolen Geschwätz vorzog, und sich dann frei hingab, wenn sie durch das Interesse am Gespräch hingerissen wurde. Dagegen bleib sie verlegen, stumm, linkisch in den gewöhnlichen geselligen Beziehungen. Ich verstand sie darin nur zu wohl, und ich sah mit Entzücken ihre reiche Natur vor mir sich in mannigfaltigster Weise offenbaren. In kurzer Zeit war ich mit ihr viel intimer wie mit den andern. Sie sprach mir oft von ihrem Bruder, den sie leidenschaftlich liebte; er war ihr alles, ihre Liebe für ihn war ein wahrer Kultus. Ich hörte ihr mit tiefem Anteil zu, und das Bild des jungen Apostels wurde mir dadurch noch teurer. Man erwartete ihn in der Familie im Frühjahr bei seiner Rückkehr von der universität. Die Schwester bebte vor Wonne, wenn sie daran achte, denn er sollte lange bleiben, um sein Examen als Kandidat der Theologie zu machen.
Ich erwartete ihn auch mit Freude; ich wusste, dass er mir neues Licht mitbringen würde, und ausserdem war er der angebetete Bruder von der, die jetzt in meinem Herzen herrschte.
Als er endlich angekommen war, erhielten meine Schwester und ich eine Einladung von seinen Schwestern, den Abend da zuzubringen. Kaum waren wir dort angelangt, als die Tür sich öffnete und der Bruder eintrat. Er setzte sich neben mich, und das Gespräch wurde sofort sehr belebt. Es war sonderbar, wie unsere Ansichten in allen wichtigsten Punkten zusammentragen. Wir sagen uns mit Erstaunen an, denn es schien, als ob das Wort des einen immer aus den Gedanken des andern komme. Als wir gingen, blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und sah mich wie im Traume an, als ich ihm Lebewohl sagte.
Einige Tage darauf wurden, auf meine Bitte, seine Schwestern und er zu uns gebeten. Ich war auch da schon wieder unter dem Einfluss jenes innern Zwanges, der mir so viele Stunden meines Lebens verdorben hat – dieser sonderbaren Unmöglichkeit, frei mein Herz zu öffnen, wo es sich am liebsten frei gegeben hätte. Doch hatte ich zuletzt noch einen Augenblick lang allein mit ihm ein Gespräch, dessen Gegenstand die zweite Schwester war, die er nur die „Kleine“ nannte. Die Liebe, die wir beide für sie hatten, machte mich beredt. Indem ich meiner Liebe für sie Ausdruck gab, fühlte ich, dass der Bruder fortan der dritte sein würde in diesem Bunde, welcher bereits einen Teil meines Lebens ausmachte.
Meine Mutter und Schwestern beschlossen zum Abendmahl zu gehen. Es war dies nur zwei oder drei Mal dr Fall gewesen seit jenem Tag der Qual, und ich war immer noch nicht ruhig in diesem Punkt. Dieses Mal beschloss ich zu einer Lösung zu kommen. Ich wandte mich an meinen früheren Lehrer, dem ich mich wieder genähert hatte durch die Freundschaft mit seiner jüngeren Tochter. Ich schrieb ihm einen Brief, in welchem ich ihm ohne Rückhalt meine Zweifel und Bedenken auseinandersetzte. Ich bekannte, dass ich das Geheimnis der Gnade nie dabei erfahren hätte, und dass ich schliesslich beinahe zu der Ansicht gekommen sei, dass diese Zeremonie wohl nur als ein Symbol der grossen Brüdergemeinschaft angesehen werden müsse, zu welcher Christus die Menschen führen wollte und für deren Verwirklichung er den Tod am Kreuze starb. Ich bat ihn, mir eine Stunde zu bestimmen, in welcher wir diesen Gegenstand mündlich besprechen könnten. Er bewilligte mir dieselbe und war liebenswürdig wie immer, machte mir keinen Vorwurf über das, was ich ihm bekannte, gab mir aber auch keine positive Ansicht über den Gegenstand. Ich fing an zu vermuten, das er selbst keine habe. Endlich wendete er das Gespräch auf andere Dinge und erzählte mir u. a., dass sein Sohn beinahe immer zu Hause sei, weil ihn die Gesellschaft seiner früheren Schulkameraden, die ihr halbes Leben auf der Ressource, bei Billard und Karten verbrächten, zu sehr langweile.
„Er hat vollkommen recht“, sagte ich.
„Vielleicht ja“, erwiderte der Vater, „aber auf diese Weise wird er bald genug isoliert sein. Sie werden ihn hassen, weil er besser sein will, wie sie.“
„Nun, in diesem Fall ist es besser, allein und gehasst zu sein.“
Einige Tage nachher kam meine Mutter mit einem Brief in der Hand und sagte: „Bereite dich vor auf ein grosses Glück.“ Der Brief kam von meinem Vater und kündigte mir an, dass meine Schwägerin, die Frau meines ältesten Bruders, den Winter ihrer Gesundheit wegen im Süden zubringen müsse und da mein Bruder sie nicht begleiten könne, mich zur Gesellschaft wünsche. Mein Vater hatte es bewilligt. Ich leibte diese Schwägerin leidenschaftlich, und obgleich sie und mein Bruder meist fern von uns lebten, so war doch auch ich ihr besonders wert. Sie wollte den Winter in der Provence zubringen und dann durch das nördliche Italien zurückkehren. Nach dem Süden gehen, nach Italien! Seit meiner Kindheit war Italien as Land meiner Träume, das Land der Wunder, zu welchem meine Wünsche in ihrem kühnsten Fluge hineilten. Ich war noch ganz klein, als ein teurer Hausfreund, ein geistvoller Künstler, der lange in Italien gelebt hatte, die Wunder jenes Landes in Bild und Wort in unserem Hause gleichsam lebendig mache; meine Phantasie war davon erfüllt. Zugleich kannte ich den Namen Goethe durch meine Mutter als den des allerverehrungswürdigsten Menschen unter allen, die lebten. Da hatte sich denn in meiner kindlichen Phantasie ein Traumbild entsponnen, das mehrere Jahre meiner Kindheit durch fortlebte, ohne dass ich es jemals jemand mitgeteilt hätte. Ich dachte mir, irgend ein gütiges Verhängnis müsse es so fügen, dass ich eine Reise nach Italien machen über Weimar zurückkehren und zu den Füssen Goethes sitzen könne, von dem ich mir dachte, er müsse aussehen wie einer der Weisen aus dem Morgenland. Als ich hörte, dass Goethe gestorben sei, ging es mir wie ein bittrer Schmerz durch das Herz; ich konnte es lange nicht überwinden, dass auch so ein Grosser sterblich und dass die Verwirklichung meines Traumes nun unmöglich sei. Jetzt sollte der kindliche Traum zur Hälfte doch Wahrheit werden. Meine Seele sollte ihre Flügel entfalten und ihren Flug in das unbekannte Land der Sehnsucht nehmen, das mir wie mein wahres Vaterland erschien. Es schien zu schön, um wahr zu sein, und es war doch so. Ich war still, wie immer in den ergreifendsten Augenblicken meines Lebens. Aber es war mir, als ob das Ideal, nach dem mein Leben eine beständige Wallfahr war, mich dort erwarte, in jeder Ferne, und mir eine Krone über meinem Haupt in den Wolken zeige.
Das einzig Peinliche dabei war mir, dieses Glück meiner Schwester zu verkünden, der treuen Gefährtin meines bisherigen Lebens, mit der ich bis dahin alles, Gutes und Böses, geteilt hatte. Sie empfing die Nachricht jedoch mit der liebenswürdigsten Hingebung und mit stiller Resignation, wie es in ihrer Natur lag, und half mir mit der gütigsten Bereitwilligkeit die Vorbereitungen zur Reise machen. Während der Beschäftigung damit fühlte ich auch, neen dem grossen Glück, ein tiefes Bedauern, zu gehen. Ich sah es wieder in besonderer Weise ei dieser Gelegenheit, wie sehr ich in unserer Familie und in unserem ganzen Kreise geliebt wurde. Meine Reise erregte allgemeine Sympathie. Zwei Tage vor meiner Abreise verbrachten die „Kleine und ihr Bruder den Abend bei uns. Sie freuten sich für mich, aber sie bedauerten auch mein Scheiden und hätten mit mir ziehen mögen.
Der Moment des Scheidens kam endlich. Ich musste sehr früh am Morgen mit dem Postwagen abfahren, denn Eisenbahnen gab es damals in jenen Gegenden noch nicht. Meine Mutter schleif, ich wollte sie nicht wecken, um ihr die Erregung des Abschieds zu ersparen, denn sie entließ mich doch mit schwerem Herzen für so lange und so weit; eine Reise nach Italien [allerdings ging die Reise nach Hyères in der Provence] war damals noch ein bedenkliches Unternehmen Ich nahm einen stummen Abschied, unter heißen Segenswünschen, vor ihrem Bett und begab mich zur Post, begleitet von meiner treuen Schwester [Laura]. Dort fanden wir die „Kleine“ [Elisabeth Althaus] und ihren Bruder. Ich umarmte die Kleine noch einmal, gab dem Bruder noch einmal die Hand. Er gab mir einen Blumenstauß, an dem ein Brief angebunden war, der anstatt der Adresse diese Worte Tassos enthielt: „I suoi pensieri in lui dormir non ponno“ [Seine Gedanken lassen ihn keinen Schlaf finden]. Ich stieg in den Wagen, hielt den Strauß und den Brief in meiner Hand und fühlte mich wie gesegnet von einer guten Gottheit. Nach einigen Stunden hielt der Postwagen in einem kleinen Ort, wo die Reisenden zu Mittag aßen. Ich ging statt dessen in den Garten des Posthofs und öffnete meinen Brief. Es waren Verse: ein Abschiedssonett und ein längeres Gedicht, welches er nach einem unserer letzten Gespräche und einem darauf folgenden Spaziergang und prächtigen Sonnenuntergang gedichtet hatte. Es war eine Vision, die vor seinem Geist die strengen Denker des Nordens hatte vorüberziehen lassen, deren Sehnen, aus ihren schweren Kämpfen heraus, sie immer nach dem Süden, dem Symbol der  Harmonie und die vollendeten Schönheit, gezogen habe, ganz besonders in Deutschland, wo diese Sehnsucht sich in jeder tiefen, strebenden Natur wiederhole. Auf ihrem Zuge dorthin redete er zunächst die Alpen an, deren Spitzen im Sonnenschein glühten:

„Ihr Alpen seid gegrüßt, ihr ew’gen Mauern,
Die unsrer Erde Paradies beschützen;
Ihr Niegeseh’nen füllt mit heil’gen Schauern
Ein Herz, das Schnee und Wolken möchte fragen
Und Antwort lesen möchte’ im Sturm und Blitzen.“

Am Ende sprach er davon, wie auch die besten Sterne seines eignen Lebens ihm den Weg nach Süden gezeigt hätten, selbst der letzte, der kaum aufgegangen, schon weiter ziehe, um dort unten zu leuchten.

„Doch flüstert sie mir zu: Ich ziehe gern.
Ja, du hast recht, den Winter lass dem Norden,
Mich lass mit Wort und Tat den Süd verdienen.“

Das Meer von stillem Glück, das in mir zurückblieb, als ich gelesen hatte, lässt sich nicht mit Worten beschrieben. Es war der Friede inmitten der Erregung, die Freude ohne Flecken, ohne heftigen Wunsch – ein Frühlingsmorgen, wo alles Duft ist und Harmonie und Hoffnung auf den Sommer, der folgen soll.
In der Stadt angekommen, wo ich und eine Dame, mit der ich reiste, die Nacht zubringen sollten, schrieb ich ihm eine Antwort, auch in Versen, welche ich seiner Schwester zuschickte, um sie ihm zu übergeben.

Auszug aus „Memoiren einer Idealistin“, Volksausgabe, Schuster und Löffler, Berlin und Leipzig, 3. Auflage Dezember 1881 (S. 117-130)

Bildquelle: Theodor Althaus 1843, Bleistiftzeichnung von Malwida von Meysenbug 
„Erinnerung an die Tage vom 26t bis zum 30t November 1843“
Staatsarchiv Detmold D 75 Nr. 7567




Sonntag, 10. Juli 2016

1849: Reise nach Ostende


Ostende um 1855
aus: Louis-Joseph Ghémar - Malerisches altes Europa

Der Freudentaumel, mit dem das Jahr 1848 begonnen hatte, war zum Ende hin von den Realitäten eingeholt worden. In Wien und Berlin saßen die Herrschenden wieder fest auf ihren Thronen und versuchten die progressiven Entwicklungen zu stoppen. Trotzdem gelang es den Delegierten in der Paulskirche, das vom Volk gewünschte Gesetzeswerk fertig zu stellen. Am 28. März 1849 wurde die Reichsverfassung für das deutsche Volk verkündet. Inzwischen hatte sich Wien aus den deutschen Einheitsbestrebungen ausgeklinkt und die Regierenden von Preußen, Sachsen und Hannover dachten gar nicht daran, die vom Volk gewünschte Verfassung für ein einheitliches Deutschland anzuerkennen.
Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV., genannt von Gottes Gnaden, am 3. April 1949 die Kaiserkrone aus den Händen von gewählten Vertretern des Volkes ablehnte, ging eine Welle des Entsetzens durch alle deutschen Länder. Wieder trafen sich die Menschen auf den Straßen, um friedlich für ein freies einheitliches Deutschland zu demonstrieren. Die Reaktion hatte sich jedoch längst wieder formiert, vor allem militärisch, und kannte kein Pardon. Die Aufstände in Dresden, Westfalen und Baden wurden blutig niedergeschlagen und Revolutionäre inhaftiert oder hingerichtet, wenn sie nicht vorher schon das Exil in England oder Amerika gesucht hatten.
Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen um die Reichsverfassung musste auch Theodor Althaus die bittere Konsequenz erfahren. In einem Leitartikel seiner „Zeitung für Norddeutschland“ hatte er dazu aufgerufen, einen Landesausschuss zur Durchführung der Reichsverfassung zu gründen. Obwohl diesem Aufruf niemand nachkam,  wurde er am 14. Mai 1849 verhaftet und als Staatsverräter in das Gefängnis vor dem Clevertor in Hannover eingewiesen.
Malwida war sehr betroffen, fühlte sich jedoch hilflos. Wie schön wäre es, wenn die Verbindung zu ihrem Freund so vertrauensvoll wäre, dass sie etwas für ihn tun könnte. Doch außer bei Elisabeth Althaus nachzufragen, sah sie keine Möglichkeit. Seine Briefe nach Hause klangen optimistisch, doch das Urteil war noch nicht gesprochen.
Zu all den Sorgen und Enttäuschungen durch die politischen Entwicklungen kam die tägliche Konfrontation mit dem Unverständnis der Familienangehörigen. Mit zunehmend stärker werdende Reaktion waren Malwidas demokratische Überzeugungen für die von Meysenbugs untragbar. Die Konflikte im Palais in der Hornschen Straße spitzten sich weiter zu. Unter der eisigen Kälte im Umgang miteinander litt Malwida nicht nur psychisch. Monatelang hatte sie diffuse körperliche Beschwerden, die der Arzt mit verschiedenen Behandlungen ohne Erfolg therapierte. Als er schließlich keinen Rat mehr wusste, entschied sie sich für eine Kur im belgischen Nordseebad Ostende, die sie zusammen mit Elisabeth Althaus und Anna Koppe machte.
In der Eisenbahn nach Köln  erinnerte sie sich an ihre Fahrt auf derselben Strecke ein Jahr zuvor in umgekehrter Richtung auf dem Weg von Frankfurt nach Detmold. Wo waren die schwarzrotgoldenen Fahnen in den Orten und  all die fröhlichen Menschen auf den Bahnhöfen? Wo waren die wunderbaren Revolutionäre? Vorbei der deutsche Frühling. Doch Malwida wollte sich nicht damit abfinden. Auch wenn die Krankheitswochen sie geschwächt hatten, glaubte sie, etwas bewegen zu können. Schließlich wollte sie doch verwirklichen, was sie sich vor einigen Wochen an der Wiege des jüngsten Sprosses der von Meysenbugs, dem unschuldig schlummernden Baby ihres Bruders, geschworen hatte. Sie würde nicht aufgeben, sondern alles tun, damit Menschen wie dieses kleine Wesen im rechten Sinne von Frauen erzogen würden, um eine Generation freier Menschen heranzubilden. Unter dem Titel „Der Schwur einer Frau“ hatte sie zu diesem Gelöbnis an der Babywiege einen Artikel geschrieben und an Carl Volkhausen geschickt. Der war so angetan, dass er riet, ihn einem Magazin zur Publikation anzubieten.
Nach Übernachtungen in Köln, Brüssel und Antwerpen lernte Malwida auf der letzten Etappe der Eisenbahnfahrt nach Ostende eine zierliche junge Frau kennen, die nicht erkannt werden wollte, deren Vertrauen sie jedoch im flüsternden Gespräch gewann. Es war Therese Pulzsky, die Frau des ungarischen Freiheitskämpfers Franz Pulzsky. Mit falschem Pass und unter dem Schutz eines ihr bis dahin unbekannten älteren Ehepaares war sie durch Deutschland und Belgien auf dem Weg zu ihrem Mann nach London. Dahin war der nach dem Scheitern des Wiener Aufstandes im Oktober 1848 geflüchtet. Ihre kleinen Kinder hatte sie in Ungarn bei einem Freund zurückgelassen.
In Ostende mieteten sich Malwida, Elisabeth und Anna in einem Gasthof ein, ebenfalls die beiden älteren Begleiter, die es sich nicht nehmen ließen, ihren Schützling bis zum Schiff  zu begleiten. Abends standen alle dann zusammen am Pier und verabschiedeten Therese Pulzsky mit den besten Wünschen zur Überfahrt nach England.
Hatte Malwida schon seit Beginn der Reise das Gefühl, sie könnte freier atmen, war ihr beim Anblick des auslaufenden Schiffes und der unermüdlichen Brandung, als würden die Wellen alle traurigen Gedanken ins Meer spülen. Von Krankheit konnte keine Rede mehr sein. Die drei Frauen nahmen sich einen Umkleidewagen, gingen im Meer baden, lernten am Strand und im Pavillon freundliche Menschen kennen und machten Ausflüge.
So fuhren sie eines Tages mit einem kleinen Boot zum Leuchtturm, wo sie von der Frau des Turmwärters liebevoll empfangen wurden. Malwida war zutiefst beeindruckt von der schlichten Natürlichkeit, mit der diese Frau selbstbestimmt ihren Weg gegangen war und ging. Obwohl ihre Eltern wohlhabend waren und sie zur Schule schicken wollten, hatte sie sich für ihren Traum entschieden und war Fischerin geworden. Bei dieser schweren Arbeit hatte sie ihren Mann kennen gelernt und hatte nun mit ihm und zwei Kindern ein rundum glückliches Leben. Malwida konnte gar nicht genug bekommen von dieser kleinen Welt zwischen Himmel und Wasser. Gebannt lauschte sie den Erzählungen dieser Frau, die es fertig brachte, so konsequent ihren eigenen Weg zu gehen. Diese einfache Natur würde ganz selbstverständlich ihre Kinder zu freien Menschen erziehen.
Auch eine andere Seite war im Kurbad Ostende vertreten, die der Gespräche über gesellschaftliche und religiöse Fragen. Ein belgischer Jesuit suchte häufig die Nähe der drei Damen. Er wollte sie zum rechten Glauben bekehren. Doch bei Malwida, die sich mit ihm fließend in französischer Sprache austauschte, stieß er auf Granit. Beredt stellte sie ihre in den vergangenen Wochen und Monaten gewonnenen Erkenntnisse dar. Es war ihr eine innere Freude zu erleben, mit welcher Sicherheit sie ihm gegenüber ihre Überzeugungen vertrat. Keine der praktizierten Religionen kam für sie in Frage, sondern nur eine Gemeinschaft in Freiheit und Liebe wie Theodor sie in seiner Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ formuliert und auf der Grotenburg gepredigt hatte.
Auch in  Diskussionen über die Stellung der Frau konnte sie die neu gewonnene Sicherheit erproben, indem sie ihre im „Schwur einer Frau“ dargestellten Prinzipien gegenüber ihren männlichen Gesprächspartnern darstellte. Von deren Gegenargumenten ließ sie sich nicht irritieren. Die Erfahrung, nicht nur eine eigene Meinung zu haben, sondern selbstbewusst zu vertreten, bestärkte sie im Vorhaben, alle ihre Kräfte einzusetzen, um Freiheit,  Gerechtigkeit und Gleichheit der Chancen für die Frauen zu erreichen.  
Nach der Rückkehr aus der Kur war Malwida klar, dass sie einen deutlichen Schritt tun musste, um aus dem Meysenbug’schen Dilemma herauszukommen. Sie dachte an Theodor, der ihr vor seiner Abreise nach Leipzig geschrieben hatte, er könne in Detmold zu nichts mehr kommen. Genau an dem Punkt war sie. In der kleinen Residenz konnte sie nichts mehr bewegen. Sie würde die Familie verlassen und da für sie der Weg in die Ehe nicht in Frage kam, würde sie nach Amerika auswandern. Auch wenn sie noch nicht genau wusste, wie sie den Plan umsetzen würde, ging es ihr schon allein mit dem Gedanken an die Erlösung besser.
Außer Elisabeth und einigen demokratisch gesinnten Freunden wie Carl Volkhausen erzählte sie allerdings niemandem davon. Zunächst einmal versuchte sie sich als Schriftstellerin. Nach dem Artikel „Schwur einer Frau“ verfasste sie eine längere Schrift mit dem Titel „Eine Reise nach Ostende“, eine Art Tagebuch mit ihren Gedanken zu politischen und religiösen Fragen, sowie die zur Emanzipation der Frau. Das Manuskript schickte sie mit der Bitte um Publikation an entsprechende Magazine und Verlage.






Montag, 18. Mai 2015

18. Mai 1848: Erste Sitzung der Nationalversammlung


Am 18. Mai 1848 fand die erste Sitzung des ersten vom deutschen Volke gewählten Parlamentes in der Frankfurter Paulskirche statt. Malwida war inzwischen wieder mit Mutter und Schwester in Detmold, nachdem sie an einer der Versammlungen des Vorparlamentes knapp zwei Monate zuvor hinter einem Vorhang zugegen war. Ihr Freund Theodor Althaus dagegen war als Korrespondent der "Bremer Zeitung" dabei. Hier ein Auszug aus Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland:

"Unerwartet flatterte plötzlich wieder ein Angebot in die elterliche Wohnstube. Wieder kam es aus Bremen, doch diesmal war es die Bremer Zeitung, die nach ihm verlangte. Der leitende Redakteur Karl Theodor Andree machte Althaus den Vorschlag, für die Bremer Zeitung über die Frankfurter Nationalversammlung zu berichten. Da gab es nichts zu überlegen. Auf nach Frankfurt!
Welche Gefühle und Gedanken mussten ihn bewegt haben, als er in der Stadt ankam, in der seit Wochen die politische Musik spielte, gerade rechtzeitig, um am 18. Mai 1848 dabei zu sein, als 400 Abgeordnete der verfassunggebenden Nationalversammlung bei Kirchengeläute und Kanonendonner, umsäumt von schwarz-rot-goldenen Fahnen, Girlanden und Parolen, zwischen dem Jubelspalier von Tausenden vom Kaisersaal zur Paulskirche zogen? Und was mag in ihm vorgegangen sein, als er seine Mitstreiter aus Leipzig, Robert Blum, Georg Günther, Moritz Hartmann und Arnold Ruge in der Menge der Gewählten entdeckte? Er war einer der vielen Zuschauer auf der Tribüne des eigens für den Zweck umgestalteten runden Kirchenraumes, mit deutschen Farben geschmückt und dem Bild der Germania hoch oben thronend über Sitzreihen, Podium und Galerie. Trotz wilder Debatten einigte man sich in dieser ersten Versammlung auf den vorübergehenden Alterspräsidenten Lang aus Hannover und auf den Termin für die nächste Sitzung des Parlamentes.

Am 19. Mai 1848 wurde der neunundvierzigjährige Heinrich von Gagern mit überragender Mehrheit zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt. Als ehemaliger Burschenschaftler, Mitglied des Hallgartenkreises und seit der Märzrevolution Ministerpräsident von Hessen-Darmstadt genoss er Respekt und großes Vertrauen durch alle Gruppierungen. Man traute ihm zu, dieses schwierige Amt zu meistern. Weder fehlte es ihm an Fachkompetenz und Glaubwürdigkeit, noch an Selbstbewusstsein und persönlicher Ausstrahlung. Seine Antrittsrede mit dem Versprechen, eine Verfassung für Deutschland auf der Grundlage der Souveränität der Nation zu schaffen, wurde mit heftigem Beifall von Versammlung und Publikum aufgenommen. Am 31. Mai wurde Gagern mit einem Fackelzug vor dem Mumm’schen Haus geehrt. Darüber berichtete Korrespondent Althaus nach Bremen. Es gebe auch kritische Stimmen, doch sei es Gagerns Glaube und Hoffnung, dass man mit ihm schöne Zeiten erleben werde. Er sei ein Mann des Volks, las man am 5. Juni 1848 in der Bremer Zeitung.

Nach den Beobachtungen in den ersten zwei Wochen des Frankfurter Politgeschehens war dem Visionär aus der Detmolder Dichterstube mehr denn je klar geworden, wie verworren die politische Situation war und wie schwierig es werden würde, einen Konsens für ein deutsches Staatsgebilde zu finden. Gab es doch so viele verschiedene Bedürfnisse und Interessen, so viele unterschiedliche Auslegungen von Begriffen, so viele unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen. Ueberall Konfusion und Gegeneinanderzücken von Parteiungen und provinziellen Sonderinteressen, sah er in seinen Genrebildern aus Frankfurt, die am 7. Juni 1848 auf der Titelseite der Bremer Zeitung erschienen, Impressionen von sogenannten Klubversammlungen in der Sokrates-Loge, im Hof von Holland, Deutschen Haus und im Weidenbusch.

Wie sollte man das Werk auf die Füße stellen, so dass es stehen bleibe und auch gehen könne, fragte er sich und seine Leser. Nach seiner Meinung gab es unter den Abgeordneten zu viele, die Konfrontation anstatt Ausgleich suchten und denen Profilierung um jeden Preis wichtiger war als das gemeinsame Ziel. Und es gab zu wenige Männer, die aufgrund ihrer Begabung, sachlicher Herangehensweise und persönlicher Ausstrahlung Respekt und Sympathie gewannen. Zu Letzteren gehörte unbedingt Julius Fröbel. Im Juni gab es ein herzliches Wiedersehen mit dem verehrten Freund aus Dresden. Nicht als Mitglied der Nationalversammlung war Fröbel in Frankfurt, sondern als Deputierter des ersten Demokratenkongresses, der am 14. Juni 1848 imDeutschen Hof begann. Fröbel redete so glaubwürdig und überzeugend, dass er mit großer Mehrheit zum Präsidenten des demokratischen Vereins gewählt wurde. Die Arbeit am Programm machte er hervorragend, so dass man auch über die Vereinsmitglieder hinaus auf ihn aufmerksam wurde. Bald war er für kurze, doch sachgerechte Diskussionen mit schnellen und guten Ergebnissen bekannt. Voller Bewunderung für diesen integren Mann verfolgte Althaus die Veranstaltung."

Mittwoch, 8. April 2015

1845: Ausflug zum Burgberg in Hyères




Ausflug zum Burgberg in Hyères

Im Schatten der hohen Palmen, die diesem Platz seinen Namen gegeben hatten, ging sie zum Palais von Bürgermeister Denis. Auch an ihn und seine Vorträge über die Erkundung der hiesigen pittoresken Landschaft würde sie sich gerne erinnern. Alphonse Denis hatte jahrelang Geschichten, Bilder, Geschichten und Informationen über seinen Ort gesammelt. Ein wunderbares Buch über Hyères, die Umgebung und die Inseln war daraus entstanden, das ihnen im Hause Arnauld zur Verfügung stand. Im Bürgermeisterhause wohnte Pauline. Sie kam aus Straßburg und hatte ebenfalls den Winter in der Provence verbracht. Zusammen wollten die Freundinnen einen Ausflug in die Berge machen, wie sie es oft getan hatten in den vergangenen Monaten.

Durch das geöffnete Fenster drang Musik nach draußen, eine Klaviersonate von Beethoven. Das war Pauline. Im Schatten einer Palme blieb Malwida stehen und stellte sich vor, wie die Freundin mit unglaublicher Leichtigkeit ihre Finger über die Tasten gleiten ließ. Klavierspielen war eine der Leidenschaften dieser talentierten jungen Frau. Die Melodie klang nach Abschied. Auch Pauline war in Abschiedsstimmung. Sie und ihre Schwester würden auch bald dieses gastliche Haus verlassen und abreisen.
Erst als das Musikstück verklungen war, ging Malwida hinein und ließ sich vom Hausdiener zu Pauline führen. Wie erwartet, saß die in Gedanken versunken vor dem Klavier. So kannte sie dieses sensible Wesen. Manchmal war die Freundin beim Musizieren so ergriffen, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen. Malwida verstand das gut, erinnerte sie sich doch an die Zeit, als sie selbst achtzehn gewesen war, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Lieber war ihr die heitere Pauline. Die wanderte plaudernd neben ihr, sammelte Pflanzen für ihre biologischen Forschungen und war immer auf der Suche nach Motiven zum Zeichnen.
Vorsichtig näherte sie sich der Pianospielerin und strich ihr sanft über die Schulter. Pauline schnellte herum und sprang auf. Sofort erhellte sich ihr Gesicht. Die Freundinnen schlossen einander in die Arme.
„Lass uns keine Zeit verlieren. Es ist ein Frühlingstag wie im Bilderbuch. Ich hole nur schnell Tasche und Sonnenhut aus meinem Zimmer. Wir treffen uns vor dem Haus“, rief sie und lief zur Tür.

Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.
„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.
„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.
„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“
„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“
Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“
Sie lachten.
„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“
„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.
„Einverstanden“
Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.
Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.
„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.
Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.
 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.
Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:
‚Dort erhebt sich niemals Lärm….
Seinen Traum kann man träumen,
bis er endet
und ihn dann von vorne beginnen,
4. Mai 1845, P.’
Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.
„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.
„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.
„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “
„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“
„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“
„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“
„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“
„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“
„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. 
Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“
„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“
„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“
„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“
„Oft habe ich meinen Malerfreund im Stillen beobachtet in seinem Atelier auf der Zeil, wenn er an der Staffelei stand, in seine Arbeit versunken, ein schöner Mann. Ein bisschen war ich verliebt in ihn. Aber jetzt ist es vorbei.“
Pauline legte den Arm um Malwidas Schultern und drückte sie fest an sich.
„Und dann?“
„Es gibt nicht mehr viel. Ich bewunderte ihn. Ja, ich mochte ihn sehr. Der Abschied tat weh, als ich mit Mutter und Schwester zurückkehren musste nach Detmold. Von dort habe ich ihm einmal Skizzen geschickt und er hat mir per Brief Ratschläge gegeben.“
„Konntest du nicht in Frankfurt bleiben?“
„Das hätte mein Vater niemals erlaubt, Pauline. Niemals.“
„In Detmold hast du weiter gemalt.“
„Manchmal bin mit Malutensilien in der Tasche hinauf gewandert in den Palaisgarten, wo ich einen schönen Blick auf Stadt und Umgebung hatte.“
„Na, siehst du.“
„Beim Malen fehlte er mir sehr.“
„Wer? Ach ja, dein Morgenstern“, scherzte die Freundin.

„Jetzt bist du mein Abendstern, Pauline“, entgegnete Malwida lachend. „Schau mal, wie tief die Sonne steht.“

Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

Bild aus: Promenades pittoresques a Hyères von M. Alph. Denis (um 1845)

Montag, 23. März 2015

1848 Märzereignisse in Frankfurt



Ehe sich dieses Problem [Unstimmigkeiten nach dem Tod des Vaters im Dezember 1847] klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.
Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

Montag, 27. Oktober 2014

28. Oktober 1816



Am 28. Oktober 1816 wurde Malwida von Meysenbug in Cassel (Kassel schrieb man derzeit mit C) geboren. Sie war das neunte von zwölf Kindern der Familie. Ihre Mutter Ernestine Hansell kam aus einer hochangesehenen Bürgersfamilie und ihr Vater Phillippe Rivalier war höchster Minister des hessischen Kurfürsten, der ihm neun Jahre später den Adelstitel von Meysenbug verlieh. Nach schweren vormärzlichen Unruhen zog der Vater im Gefolge des Kurfürsten an verschiedene Orte in Hessen. Die Mutter zog mit den Kindern in die lippische Residenzstadt Detmold. Hier entdeckte Malwida ihre Liebe zu dem sechs Jahre jüngeren Pfarrerssohn Theodor Althaus, einem leidenschaftlichen Kämpfer für ein demokratisches Deutschland. Trotz ihrer Zugehörigkeit zum Adelsstand entwickelte sie sich zu einer überzeugten Demokratin. Nach dem Scheitern der deutschen Revolution 1848/49 stand sie zu ihren Überzeugungen und nahm die bittere Konsequenz einer Trennung von der Familie in Kauf. Ihrer Liebe zu Theodor Althaus blieb sie auch nach seinem frühen Tod treu. Unermüdlich kämpfte Malwida von Meysenbug um wirtschaftliche Unabhängigkeit und für die Gleichstellung der Frau. Nach dem Londoner Emigrantenleben zog es sie zunächst nach Florenz und schließlich nach Rom, wo sie eine Heimat fand und im Jahre 1903 starb. 




In ein offenes Herz hatte er [Theodor Althaus] ein Jahr zuvor gesät. Die sechs Jahre ältere Malwida von Meysenbug hatte nicht vergessen, was der große junge Mann mit den langen dunklen Locken ein Jahr zuvor [1843] von der Kanzel der Detmolder Stadtkirche gepredigt hatte. Seine Botschaften hatten ihre aristokratisch geprägten Ansichten ins Wanken gebracht, Zweifel ausgeräumt, Fragen beantwortet und ihr den Impuls zu einer für eine junge Frau in ihren Kreisen ungewöhnliche Aktion gegeben. Sie gründete einen Verein für Arme, in dem Mädchen und junge Frauen der besser gestellten Gesellschaft sich zusammenfanden, um mit Hilfe von Sammlungen und Spenden arme Familien zu unterstützen, von denen es nicht wenige in Detmold gab. Im Rahmen dieser Treffen entstand eine Freundschaft zwischen ihr und der siebzehnjährigen Elisabeth, der Schwester ihres Apostels, so nannte Malwida den verehrten Prediger insgeheim. Es blieb nicht aus, dass im vertrauten Gespräch hin und wieder über ihren Bruder und dessen Gedanken und Ideen geredet wurde.
Als Malwida von Meysenbug zusammen mit ihrer Schwester Laura eines Abends in die Althaus’sche Wohnstube eingeladen war, erfolgte die erste persönliche Begegnung mit Theodor Althaus. Beide fühlten sich sofort einer vom anderen angezogen und empfanden eine auffallende Übereinstimmung ihrer Gedanken zu vielen Themen aus Gesellschaft, Religion und Politik.. Beim nächsten Treffen, das im Meysenbug’schen Palais stattfand, konnte die im Gedankenaustausch erlebte Nähe nicht intensiviert werden, weil Malwida in der elterlichen Umgebung eine seltsame Befangenheit spürte. Jedoch stellten beide weitere Gemeinsamkeiten fest. Und sie teilten ihre Zuneigung zu Theodors Schwester Elisabeth, die sie die Kleine nannten. Die Kleine war dann auch in den folgenden Sommerwochen immer dabei, wenn die beiden sich trafen. Sie war ihre Vertraute und spielte den Briefboten vom Pfarrhaus zum Palais der Meysenbugs in der Hornschen Straße. Elisabeth war auch dabei, als Theodor den ersten Schritt auf seine Freundin zuging, um ihr zu zeigen, wie sehr er sie mochte. Überraschend standen Bruder und Schwester eines frühen Morgens an der Post, um Malwida zu verabschieden, die sich auf den Weg in südliche Gegenden machte, um zusammen mit ihrer Schwägerin, deren Kindern und Dienstpersonal den Winter in angenehmem Klima zu verbringen. Theodor übergab ihr einen Blumenstrauß mit Briefanhang, auf dem ein Zitat aus einem Gedicht von Torquato Tasso zu lesen war: I suoi pensieri in lui dormir non ponno. Die Botschaft war zwar in italienischer Sprache verfasst, jedoch klar. Er wollte der Angebetenen mitteilen, dass er immer an sie dachte und sie ihm schlaflose Stunden bereitete.
Der Zweiundzwanzigjährige hatte sich verliebt und die Geliebte war viele Tagesreisen entfernt in Hyères an der französischen Mittelmeerküste. Er vermisste ihre Zuneigung, die vertrauten Gespräche, in denen er sich mit seinen Ideen und Vorstellungen verstanden fühlte. Sie war diejenige, die bedingungslos hinter ihm stand, wenn jemand ihn kritisierte. Und Kritiker hatte er nicht wenige. Es war schwierig für ihn im beschaulichen Detmold. Die meiste Zeit verbrachte er am Schreibtisch in seiner Studierstube mit Ausblick in südwestliche Richtung, wo hoch über den Buchenwäldern auf der Grotenburg der Sockel des Hermannsdenkmals entstand. Häufig schaute er sehnsüchtig nach links hinüber zum Haus der von Meysenbugs in der Hornschen Straße mit dem Fenster von Malwida, der er so oft in einsamen Nachtstunden seine Wolkenträume herübergeschickt hatte. In gereimter Form  bewahrte er sie nun in seinem Nordischen Wintergarten auf, um sie ihr nach ihrer Rückkehr im nächsten Frühjahr zu schenken.

Gedichte für Malwida: Nordischer Wintergarten


Freitag, 21. März 2014

31. März 1848 Vorparlament in der Paulskirche




Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

Fotos: Renate Hupfeld in Frankfurt 2011

Und hier geht's zur Zeitreise aus dem Jahre 2048 in das Jahr 1848:
TimeTravelTerminal ... Achtundvierziger (Kurzgeschichte)

Mittwoch, 1. Januar 2014

Malwida und die Revolution 1848



Für die Hinterbliebenen begann das Jahr 1848 in Frankfurt mit der Verlesung des Testamentes von Carl Rivalier von Meysenbug  [* 2. Oktober 1779 in Kassel; † 30. Dezember 1847 in Frankfurt am Main]. Dabei stellte sich heraus, dass das Vermögen des Familienoberhauptes unerwartet gering war. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Malwida mit der Frage konfrontiert, wie in Zukunft ihr Leben zu finanzieren sei. Malen war zwar immer ihre liebste Beschäftigung gewesen, jedoch konnte sie das aufgrund ihrer Augenschwäche nicht in großem Umfange betreiben. Blieb ihr das Schreiben. Das konnte sie, hatte auch schon einige Novellen und Essays an Zeitungen und Verlage geschickt, jedoch nie Honorar dafür bekommen. Sie wusste gar nicht, was sie tun musste, um mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Also war sie auf Unterstützung von Mutter und Brüdern angewiesen. Ernestine von Meysenbug war selbst noch nicht klar, wie die materielle Zukunft ohne ihren Gatten aussehen würde

Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.
Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 


Leseprobe aus:

Lebensgeschichte von Theodor Althaus:  
Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (KIndle)


Montag, 9. Dezember 2013

Eiszeit in Detmold

Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer [im Meysenbugschen Palais]. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.
Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.
In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.
Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  

(1847)

Foto: © Renate Hupfeld (Meysenbugsches Palais in der Hornschen Straße Nr. 19 in Detmold 2006)

Leseprobe aus:
Lebensgeschichte von Theodor Althaus:  
Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (KIndle)



Donnerstag, 14. November 2013

Auszeit in Berlin


In dieser unerträglichen Situation lud Anna Koppe, eine Freundin Elisabeths, sie in ihre Wohnung nach Berlin [Kochstraße] ein. Dort könnte sie eine Zeit verbringen und Abstand gewinnen. Sie nahm das Angebot an.
Schon während der Fahrt in der Eisenbahn spürte sie, wie sie freier atmen konnte. Als dann die Gastgeberin ihr ein herzliches Willkommen bereitete und sie sich zusammen mit deren Freunden frei austauschen konnte, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass es noch etwas anderes gab, als die drückende Enge in Residenz und Elternhaus.
In den Straßen von Berlin war sie unterwegs auf den Spuren der politischen Entwicklungen nach den Ereignissen im März 1848. Die von den jeweiligen Herrschenden der deutschen Länder zum Teil hastig gemachten Zugeständnisse schwammen nach und nach davon. Nach dem Septemberaufstand in Frankfurt und der Oktoberrevolution in Wien hatten Österreich und Preußen mit militärischer Gewalt die Ruhe wieder hergestellt.
Auch in Berlin war es unruhig, erwartete man doch von der Regierung und der preußischen Nationalversammlung, dass sie die Arbeit im Frankfurter Parlament unterstützten und Verordnungen im Sinne der Märzforderungen auf den Weg brachten. Doch die Unterstützer waren in der Minderheit. Einer von ihnen ging bei Anna Koppe ein und aus. Voller Sorge berichtete er, dass der preußische König alles daran setze, um seine alte Macht wieder zu festigen. So hatte er bestimmt, dass der Landtag nicht mehr im Schauspielhaus in der Charlottenstraße tagen sollte, sondern in der Stadt Brandenburg, was einer Auflösung gleich kam. Malwida und Anna waren dabei, als sich eine große Menschenmenge auf dem Gendarmenmarkt versammelte, um gegen diese Maßnahme zu demonstrieren. Sie erlebten, wie Soldaten unter Oberbefehl von General von Wrangel mit Waffengewalt den Platz räumten.
Drei Tage später, am 12. November 1848, unterschrieb der Oberbefehlshaber der Truppen den Erlass zur Verhängung des Belagerungszustandes in Berlin. Angesichts dieser undurchsichtigen Situation die Stadt riet Anna ihrer Freundin, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Sie begleitete Malwida zum Bahnhof, wo sich schon Massen von Ausreisenden unter militärischer Bewachung versammelt hatten, um einen Platz zu ergattern. Wegen eines Sabotageaktes an den Gleisen kam der Zug nur bis Potsdam. Auch dort war wieder dichtes Gedränge auf dem Bahnhof. Malwida stand mitten darin und war dankbar, als ein junger Offizier, der sie von einer Festveranstaltung kannte, ihr seine Hilfe anbot. Von ihm ließ sie sich zum Haus von Theodors Großvater Dräseke bringen, der sich nach seiner Magdeburger Bischofszeit in Potsdam zur Ruhe gesetzt hatte. Obwohl es sehr spät war, wurde sie von Bischof Dräseke und zwei seiner Töchter herzlich aufgenommen.
Als sie eines Tages in diesem unruhigen November 1848 erfuhr, dass Robert Blum in Wien kurzerhand mit den Gewehren hingerichtet worden war und dass Theodors Freund Julius Fröbel, der ebenfalls den Wiener Aufstand unterstützt hatte, das gleiche Schicksal drohte, war sie zutiefst schockiert. Ihr wurde klar, wie stark die Reaktion in Deutschland inzwischen geworden war.
Dennoch endete das Jahr in Frankfurt mit einem großen Erfolg. Die vom deutschen Volk gewählten Delegierten in der Paulskirche hatten beharrlich an ihrer Aufgabe gearbeitet  und den ersten Teil ihres Werkes fertig gestellt. Am 21. Dezember 1848 wurden auf Beschluss der Reichsversammlung die „Grundrechte des deutschen Volkes“ als Gesetz verkündet. Mit großer Freude wurde dieses Ereignis in der gesamten Bevölkerung aufgenommen. Der Text wurde in großen Mengen gedruckt und in ganz Deutschland an die Menschen verteilt.
Schon bald war das schön gestaltete Plakat mit den neun Artikeln auch in Detmold überall an den Wänden angeschlagen, selbst in den kleinsten Hütten. Malwida versorgte ihre Armen und freute sich an der Hoffnung, die in die Herzen gesät wurde.
Besonders freute sie sich am Artikel VI, in dessen Paragraphen es um Wissenschaft und Lehre ging. Nicht nur privilegierten, sondern allen Menschen sollte Bildung zugänglich sein und zuteil werden. Alle Kinder und Jugendlichen sollten in öffentlichen Schulen unterrichtet werden, egal ob arm oder reich, ob männlich oder weiblich. Malwida konnte sich gar nicht satt sehen an den Formulierungen dieses Artikels und hoffte, in irgendeiner Form an der Verwirklichung dieser schönen Paragraphen mitwirken zu können. Im Vordergrund stand vor allem der Gedanke an Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Am letzten Tag des Jahres gab es wieder ein unerwartetes Zusammentreffen mit Theodor. Es fand statt im Pfarrhaus unter der Wehme und hatte einen traurigen Anlass. Theodors Mutter Julie Althaus war im Alter von fünfzig Jahren gestorben. Der älteste Sohn war zur Beerdigung für ein paar Stunden angereist aus Hannover, wohin er erst einige Tage zuvor seine Redaktion verlegt hatte. Nach der Beerdigung begleitete er Malwida ein Stück. Sie redeten über den  bitteren Verlust, den der Tod der Mutter für den jungen Redakteur und auch für Malwida bedeutete, und über seine „Zeitung für Norddeutschland“, deren erste Ausgabe am 1. Januar 1849 er gerade vorbereitete. Er war freundlich, jedoch distanziert. Sie nahm sich vor, auch weiterhin seine Leitartikel zu lesen. 

(1848)

Leseprobe aus:

Foto: © Renate Hupfeld