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Mittwoch, 20. Juni 2018

La Grande Chartreuse




aus: Malwida von Meysenbug, "Die Malerei war immer meine liebste Kunst"


(Ausflug zum Kartäuserkloster bei Grenoble  - Mai 1845)

Nach einer Übernachtung in Grenoble hatte Malwida von Meysenbug Gelegenheit, das Gelübde an den Weltgeist zu bestätigen. Zusammen mit Herrn Ludwig und den beiden Jungen ließ sie sich mit der Kutsche in ein nahe gelegenes Dorf bringen. Von dort aus wagte sie sich auf einem Mautier an den Aufstieg zum Karthäuserkloster hoch oben im Gebirge. Geführt wurde die Gruppe von einem kundigen Manne. Hätte sie gedacht, was auf sie zukam? Zwischen riesigen Felswänden durchquerten sie eine Schlucht, in deren Tiefe ein reißendes Gewässer tobte. Immer enger wurde der Pfad und immer bedrohlicher der Abgrund. Irgendwann befanden sie sich wohl oberhalb der Vegetationsgrenze, wo nichts mehr zu leben schien. Todestor nannte man den Durchbruch im Felsen, den sie passieren mussten. In dieser schauerlichen Szenerie fühlte sich Malwida sich an Dantes Höllentor erinnert und war dann ganz erstaunt, als sie in ungefähr 2000 Metern Höhe zu Füßen des Bergmassivs eine Ebene in üppigem Grün erreichten. Hier wuchsen prächtige Bäume und Blumen in den schönsten Farben.

Am Eingang der Klosteranlage wurden sie von zwei Laienbrüdern empfangen. Ohne ein Wort zu wechseln, nahm der eine den Bergführer zur Seite und brachte zusammen mit ihm die Maultiere in einen Stall. Der andere Klostermann stand da und schwieg. Die Kutte hing über seinen leicht nach vorne gebeugten Schultern und fiel ihm bis auf die Sandalen. Ein dicker Hornknopf hielt das etwas dünnere Leinenhemd darunter zusammen. Nichts an dieser Kleidung und der Art, wie er sie trug, vermittelte den Eindruck, als würde sie ihn einengen, auch nicht die Kapuze, obwohl sie Hals und Nacken schwer umschloss. Sah so jemand aus, der am Ende eines steinigen Weges die Wahrheit gefunden hatte? Die Wahrheit, nach der zu streben sie gerade einen Tag zuvor auf der steilen, vereisten Passstraße gelobt hatte? Das Hell und Dunkel seines Gesichtes diesseits und jenseits der scharfen Trennlinie über Stirn, Nase und Mund, vermittelten den Eindruck einer unerschütterlichen Gelassenheit. Es war eine andere Art von Gelassenheit, die dieser Mann ausstrahlte. Sie gehörte ebenso hierher wie der gefährliche Pfad zwischen schroffen Felsen und Abgründen, wie das Höllentor, wie die fruchtbare Ebene und der in der Abendsonne leuchtende Felsgipfel.

Es mochte eine Stunde vergangen sein, vielleicht weniger, vielleicht mehr. Der große Schweiger hatte Herrn Ludwig zum Eingangsportal des Klosters gebracht, sie und die Jungen in das kleine Holzhaus geführt, wo er sie mit Brot, Butter und Tee bewirtet hatte. Nun stand er in diesem winzigen Raum ihr gegenüber und nickte, unentwegt lächelnd. Sein Schweigen konnte sie kaum ertragen. Noch keinen Laut hatte sie aus seinem Munde gehört. Selbst sein Blick wirkte stumm. Nicht die kleinste Bewegung der Kutte. Doch was hatte sie erwartet? Befolgte er doch nur die Regel, die ihr allerdings bis vor ein paar Minuten unbekannt gewesen war. Sie durfte das Innere des Klosters nicht betreten. Das durften nur Männer. Ihr war nun dieses winzige Domizil zugewiesen. Es war alles da, was sie für einen Abend und eine Nacht brauchte: Bett, Stuhl und Waschtisch, auch was sie nicht brauchte: Betbank, Kruzifix und Weihwasserbecken. Sie nickte und versuchte den Schweiger dabei anzulächeln. Ein aufgesetztes Lächeln, doch das merkte er nicht. Er hatte aber verstanden, dass sie nun allein sein wollte. Mit einer höflichen Verbeugung drehte er sich um und ging hinaus, wobei jeder Schritt auf knarrenden Dielen und Treppenstufen in dem Holzhaus nachhallte.
Müde vor Enttäuschung ließ sie sich auf den Stuhl fallen. Unten räumte der Laienbruder das Essgeschirr vom Tisch, wusch es ab und stellte Stück für Stück in den Schrank. Das konnte sie nicht sehen, jedoch hören und sich vorstellen. Nach getaner Arbeit verließ er das Haus, schob den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn herum. Dann schlurfte er davon, zu den anderen Klostermännern, die ihr schweigsames Leben ihrem Gott gewidmet hatten. Dort befand sich auch der Besucher für einen Abend und eine Nacht, mit dem zusammen sie die Gebirgstour von Grenoble aus hier hinauf gemacht hatte und der nun dieses Vorrecht genoss.

Malwida zog ihr Skizzenbuch aus der Tasche und legte es sich auf die Knie. Mit den Augen verfolgte sie die Windungen des marmorierten Musters auf der Vorderseite. Dann zeichnete sie die Linien mit dem Finger nach. Das leise Wischgeräusch bei der Berührung mit der rauen Pappe dämpfte die innere Unruhe. Sie begann immer wieder von vorne, während sich langsam ihre Gedanken ordneten. Sie öffnete das Fenster und schob die beiden Flügel beiseite. Hinter den Mauern die Gemeinschaft der Männer und sie hier außerhalb der klösterlichen Festung als stille Beobachterin, allein mit ihrem marmorierten Skizzenbuch, das nun aufgeschlagen vor ihr auf der Fensterbank lag. Weich flossen ihre langen Haare über Schultern und Rücken, als sie das Band löste. Dann zeichnete sie, was der Bildausschnitt auf die große Kartause freigab. In der Mitte das Haus mit dem bogenförmigen Eingangsportal, das sie nicht betreten durfte. Hinter hohen Mauern die sichtbaren Teile von Gebäuden mit Fenstern, Dächern und Türmen.
Als die Dämmerung eintrat, war sie mit ihrem Stift längst hoch oben auf dem Bergmassiv angekommen, bei den unzähligen dunklen Tannen, die sich hoch kämpften und unterhalb des Gipfels in einem langen dunklen Saum endeten. Sie zeichnete jede einzelne. Oberhalb schlängelte sich ein Lichtpfad hinauf auf ein silbern strahlendes Plateau, das sie leichten Fußes erreichte. Als sie über die Fläche schwebte, spürte sie ihre Haare und die Schleppe ihres Gewandes frei im Lufthauch wehen. Ein heller Glockenton, ein weiterer und noch einer setzten die Silberstrahlen in tausend und abertausend Schwingungen. Als die Glocke verklungen war, intonierten Stimmen einen Gesang, der ihr nicht fremd war. Als hätte sie Worte und Melodie immer schon gesungen und würde nie damit aufhören, stimmte sie mit ein: Ich zögere nicht, gehe den einsamen Pfad, den jeder geht, der die Wahrheit sucht.
Als dicke weiße Flocken vom Himmel herabwirbelten, sich auf ihrem Gesicht auflösten und kühle Tropfen auf das dunkle Portal hinunterrollten, klappte sie das Skizzenbuch zu und legte es zur Seite. 

Durch lautes Klopfen und die aufgeregte Stimme des Erziehers wurde sie früh am nächsten Morgen geweckt.
„Mademoiselle von Meysenbug, wachen Sie auf. Es gibt Schwierigkeiten. In der Nacht hat es geschneit und die Sicht ist sehr schlecht.“
„Ich weiß, Herr Ludwig“, rief sie. „Warten Sie unten auf mich. Wir besprechen nachher, was wir tun.“
Sie stand auf und zog sich an. Die Nebelschwaden vor ihrem Fenster versetzten sie keinesfalls in Panik. Ihr war, als wäre alle Schwere von ihr gewichen. Auf der Treppe strömte ihr Kaffeeduft entgegen. Im Essraum hatte der Laienbruder ihnen das Frühstück bereitet, frisches Brot, Butter und Honig. Der Erzieher saß mit den Kindern am Tisch. Alle drei schienen auf sie zu warten.
„Ich habe Angst, Tante Malwida“, jammerte Wilhelm.
„Ich auch“, sagte Alphons, der Ruhige. „Das Höllentor finden wir im Nebel gar nicht mehr und wenn das Maultier ausrutscht, bin ich verloren.“
„Das sagt ihr, denen gestern kein Fels zu steil war?“, entgegnete Malwida, lachend, obwohl sie die Angst der Kinder gut verstehen konnte. Auch ihr lief ein Schauer über den Rücken, wenn sie an den Abstieg dachte. Schon bei gutem Wetter war die Tour voller Gefahren gewesen. Heute würden die schmalen Pfade zudem noch rutschig sein. Sie wollte sich das gar nicht ausdenken.
„Hätten wir das doch nie gemacht! Ich will nach Hause“,  jammerte nun Alphons und nahm den Bruder in den Arm.
Warum hatten sie die Kinder eigentlich in diese Gefahr gebracht, fragte sich Malwida. Dennoch wunderte sie sich, wie ruhig sie blieb. Als hätte ein Hauch von Gelassenheit sie berührt.
„Wie sollen wir hinunter in das Tal kommen?“, wandte jetzt der Erzieher ein. „Ihre Schwägerin wird sich große Sorgen machen, wenn wir nicht gegen Mittag zurück sind in Grenoble.“
„Das wird sie“, entgegnete Malwida. „Doch in dieser Situation ist unsere Sicherheit wichtiger, vor allem die Sicherheit der Kinder.“
Herr Ludwig nickte.
„Wir müssen dem Bergführer und seinen Maultieren vertrauen. Nach dem Frühstück werde ich mit dem Mann reden“, fuhr sie fort, obwohl sie der Meinung war, dass das eigentlich die Aufgabe des begleitenden Herrn war. Doch dessen Kenntnisse der französischen Sprache reichten auch nach einem halben Jahr Aufenthalt in der Provence kaum aus, um diese Angelegenheit zu regeln.
„Herr Ludwig, wie war eigentlich die Nacht im Kloster?“, fragte Alphons und sah seinen Erzieher mit gespannter Erwartung an.
„Ja, erzählen Sie mal“, forderte Wilhelm ihn auf.
„Am Eingang empfing mich ein Laienbruder.“
„Ein anderer?“
„Der führte mich in eine Zelle, ziemlich klein mit einem einfachen Bett.“
„Und Kruzifix und Betbank“, unterbrach der Kleinere ungeduldig. „Und war ein Fenster in der Zelle?“
„Ein kleines.“
„Kruzifix und Betbank?“
„Und ein Blechofen war noch da, den brauchte ich aber nicht. Durch das Fenster konnte ich übrigens in einen kleinen Garten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten sehen.“
‚Nichts gesehen hat er’, dachte Malwida.
„Und wie sah es sonst im Kloster aus? War es groß da drinnen?“, fragte Alphons.
„Lange Gänge, viele Zellentüren, ein Kloster eben. Einen Rundgang durfte ich nicht machen. Zumeist hielt ich mich in meiner Zelle auf.“
„Bis jemand Sie abholte?“, wollte Malwida wissen.
„Ja, bis zur Mitternacht die Glocke läutete. Der Laienbruder nahm mich mit in das so genannte Reflektorium.“
„Mitten in der Nacht?“
„Jede Nacht machen sie das, Wilhelm. Das ist die Regel.“
„Jede Nacht in dieses Reflektorium?“, wunderte sich auch der Bruder. „Reflektorium, ein seltsames Wort.“
„Ja, immer dort. Das Reflektorium ist ein großer Raum mit hohen Fenstern. Wie eine Kirche müsst Ihr euch das vorstellen. Lange Betbänke an den zwei Seitenwänden.“
„Und wie viele Klostermänner waren um Mitternacht in diesem Reflektorium?“, setzte der Kleine nach.
„Alle, denke ich. Doch wie überall, wurde auch hier nicht gesprochen. So konnte ich niemanden fragen. Ich schätze, es waren ungefähr siebzig. Einer der Patres stimmte einen Gesang an und der ganze Chor setzte mit ein, Gregorianische Gesänge nennt man das.“
„Haben Sie sich die Texte gemerkt?“, wollte Malwida wissen.
„Texte? So genau weiß ich das nicht mehr.“
„Ach, das haben sie gar nicht gehört?“
„Wichtiger war die Atmosphäre. Die war sehr bewegend.“
Wenn sie jetzt antworten würde, gäbe es wieder ein Streitgespräch mit diesem Mann. Darin sah sie schon längst keinen Sinn mehr. Wahrscheinlich beherrschte Herr Ludwig die lateinische Sprache ebenso wenig wie die französische, dachte sie und ging hinaus.
Draußen war keine Spur mehr von Nebel und Schnee, der Regen hatte nachgelassen und die Sonne blinzelte zwischen den Wolken.
Mit einigen Stunden Verzögerung kamen sie dank der Erfahrung des Bergführers und der unglaublichen Gebirgstauglichkeit seiner Maultiere wohlbehalten unten im Dorf und später in Genoble an, wo Caroline sich schon das Schlimmste ausgemalt hatte und nun sehr erleichtert war.

Die Weiterfahrt in nördliche Richtung führte am 14. Mai 1845 nach Savoyen über Chambéry bis Aix-les-Bains. In der Abenddämmerung saß Malwida  am Ufer des „Lac du Bourget“, der eine seltsam traurige Stimmung mit ihr zu teilen schien. Ihr war, als ob die Sehnsucht sich mit dem leichten Dunst über dem Wasser niederließ und sie träumte sich in die kleine Barke, neben sich den Geliebten, an dessen Schulter sie sich anlehnte. Es war, als würde das kleine Boot zusammen mit ihnen in das Buch schweben, dem sie immer und immer wieder von traurigen und glücklichen Momenten erzählen konnte. Bild und Zeilen dieser einsamen Abendstunde widmete sie ihrem Freund im fernen Detmold, dem sie auf dieser Rückreise täglich ein Stück näher kam.

Als sie am Tag darauf Frankreich verließen und in die Schweiz einreisten, musste sich Malwida auch von ihrer geliebten französischen Sprache verabschieden. Die Gruppe machte Station am See von Neuchâtel und am Bieler See, bevor man auf der Strecke nördlich des Genfer Sees ein letztes Mal über dem gegenüberliegenden Südufer die prächtige Bergkulisse mit schneebedeckten Alpengipfeln bestaunen konnte. Malwida dokumentierte mit dem Bleistift soviel es ging und es entstanden noch ein paar wunderbare Zeichnungen.
Von Solothurn aus ging es zurück nach Deutschland. Caroline fuhr mit Kindern und Bediensteten zu ihrem Mann Friedrich von Meysenbug nach Frankfurt. Malwida nahm das Schiff rheinaufwärts und erreichte am 31. Mai 1845 die Stadt Köln, von wo sie mit der Postkutsche in die lippische Residenzstadt Detmold zurückkehrte.



Freitag, 24. März 2017

31. März 1848: Vorparlament in der Paulskirche




Märzrereignisse in Frankfurt

Ehe sich dieses Problem klären ließ, gab es auf der politischen Bühne einen Paukenschlag nach dem anderen, beginnend mit dem Aufstand in Palermo gegen den bourbonischen König, gefolgt von den Sturmglocken in Paris, Metternichs Flucht aus Wien und dem Barrikadenkampf in Berlin am 18. März 1848. Es wurde ein wahrer Völkerfrühling, der von den Menschen in allen Ländern des Deutschen Bundes euphorisch gefeiert wurde. Auf Straßen und Plätzen redete man von Freiheit und den Rechten des Volkes.
Malwida konnte sich über die positiven Veränderungen jedoch nur zusammen mit Theodor freuen. Von ihm bekam sie aus Leipzig einen begeisterten Brief. In der Familie dagegen konnte sie mit niemandem die Freude teilen, mit niemandem darüber reden. Mutter und Geschwister waren entsetzt über die Entwicklungen und hofften auf ein baldiges Ende.

Doch war es erst der Beginn. Nach den revolutionären Aktionen kehrte schon bald Ruhe ein und die Besonnenheit einiger tüchtiger Männer siegte. Zur Eröffnung des Vorparlamentes in der Paulskirche am 31. März 1848 waren in Frankfurt alle Straßen und Plätze mit Fahnen und Bändern in Schwarzrotgold geschmückt. Man hatte den Eindruck, dass die gesamte Frankfurter Bevölkerung auf der Straße war. Zusammen mit einer Freundin war auch Malwida dabei, als fast 600 Vertreter aus allen deutschen Ländern vom Kaisersaal auf dem Römerplatz zur Paulskirche zogen, um die Wahlen des ersten deutschen Parlamentes vorzubereiten. An vier aufeinanderfolgenden Tagen traten die Delegierten zusammen. Auf den Straßen erlebte man herausragende Volksmänner, die auf Holztribünen zu den Menschen sprachen. Besonders beeindruckt war Malwida von Friedrich Hecker aus Baden und Robert Blum aus Leipzig. Gern würde sie auch den Reden und Aussprachen in der Paulskirche zuhören, aber der Zugang zur Galerie war nur Männern gestattet. An einem Tage bekam sie unerwartet eine Gelegenheit durch die Hilfe eines Bekannten ihrer Freundin, der mithalf, die Abläufe zu organisieren. Der verschaffte ihnen Zugang zu einem nicht öffentlichen Bereich. Es war ein mit schwarzrotgoldenen Tüchern verhängter Raum. Hinter diesem Vorhang versteckt, hielten sich einige Ehefrauen der Teilnehmer auf, ohne gesehen zu werden. Malwida war zutiefst beeindruckt von dem, was da unten in der kreisförmigen Kirchenhalle ablief. Das Land bewegte sich und versprach dank des Bemühens tüchtiger Männer ein lebendiges Staatswesen zu werden. Das mitzuerleben, war schon großartig und am 18. Mai 1848 sollte es erst richtig losgehen, wenn die offizielle Wahl der Deputierten abgeschlossen war und sich die gewählten Vertreter der einzelnen Länder des deutschen Bundes zur Eröffnung der Nationalversammlung in der Paulskirche einfinden würden. 

aus: Malwida und der Demokrag

mehr zu Vormärz und Revolution: Theodor Althaus. Revolutionär in Deutschland

Bildquelle: 
Der Einzug des Vorparlaments in die Paulskirche am 31. März 1848, Frankfurt am Main
gemeinfrei bei Wikipedia

Sonntag, 10. Juli 2016

1849: Reise nach Ostende


Ostende um 1855
aus: Louis-Joseph Ghémar - Malerisches altes Europa

Der Freudentaumel, mit dem das Jahr 1848 begonnen hatte, war zum Ende hin von den Realitäten eingeholt worden. In Wien und Berlin saßen die Herrschenden wieder fest auf ihren Thronen und versuchten die progressiven Entwicklungen zu stoppen. Trotzdem gelang es den Delegierten in der Paulskirche, das vom Volk gewünschte Gesetzeswerk fertig zu stellen. Am 28. März 1849 wurde die Reichsverfassung für das deutsche Volk verkündet. Inzwischen hatte sich Wien aus den deutschen Einheitsbestrebungen ausgeklinkt und die Regierenden von Preußen, Sachsen und Hannover dachten gar nicht daran, die vom Volk gewünschte Verfassung für ein einheitliches Deutschland anzuerkennen.
Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV., genannt von Gottes Gnaden, am 3. April 1949 die Kaiserkrone aus den Händen von gewählten Vertretern des Volkes ablehnte, ging eine Welle des Entsetzens durch alle deutschen Länder. Wieder trafen sich die Menschen auf den Straßen, um friedlich für ein freies einheitliches Deutschland zu demonstrieren. Die Reaktion hatte sich jedoch längst wieder formiert, vor allem militärisch, und kannte kein Pardon. Die Aufstände in Dresden, Westfalen und Baden wurden blutig niedergeschlagen und Revolutionäre inhaftiert oder hingerichtet, wenn sie nicht vorher schon das Exil in England oder Amerika gesucht hatten.
Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen um die Reichsverfassung musste auch Theodor Althaus die bittere Konsequenz erfahren. In einem Leitartikel seiner „Zeitung für Norddeutschland“ hatte er dazu aufgerufen, einen Landesausschuss zur Durchführung der Reichsverfassung zu gründen. Obwohl diesem Aufruf niemand nachkam,  wurde er am 14. Mai 1849 verhaftet und als Staatsverräter in das Gefängnis vor dem Clevertor in Hannover eingewiesen.
Malwida war sehr betroffen, fühlte sich jedoch hilflos. Wie schön wäre es, wenn die Verbindung zu ihrem Freund so vertrauensvoll wäre, dass sie etwas für ihn tun könnte. Doch außer bei Elisabeth Althaus nachzufragen, sah sie keine Möglichkeit. Seine Briefe nach Hause klangen optimistisch, doch das Urteil war noch nicht gesprochen.
Zu all den Sorgen und Enttäuschungen durch die politischen Entwicklungen kam die tägliche Konfrontation mit dem Unverständnis der Familienangehörigen. Mit zunehmend stärker werdende Reaktion waren Malwidas demokratische Überzeugungen für die von Meysenbugs untragbar. Die Konflikte im Palais in der Hornschen Straße spitzten sich weiter zu. Unter der eisigen Kälte im Umgang miteinander litt Malwida nicht nur psychisch. Monatelang hatte sie diffuse körperliche Beschwerden, die der Arzt mit verschiedenen Behandlungen ohne Erfolg therapierte. Als er schließlich keinen Rat mehr wusste, entschied sie sich für eine Kur im belgischen Nordseebad Ostende, die sie zusammen mit Elisabeth Althaus und Anna Koppe machte.
In der Eisenbahn nach Köln  erinnerte sie sich an ihre Fahrt auf derselben Strecke ein Jahr zuvor in umgekehrter Richtung auf dem Weg von Frankfurt nach Detmold. Wo waren die schwarzrotgoldenen Fahnen in den Orten und  all die fröhlichen Menschen auf den Bahnhöfen? Wo waren die wunderbaren Revolutionäre? Vorbei der deutsche Frühling. Doch Malwida wollte sich nicht damit abfinden. Auch wenn die Krankheitswochen sie geschwächt hatten, glaubte sie, etwas bewegen zu können. Schließlich wollte sie doch verwirklichen, was sie sich vor einigen Wochen an der Wiege des jüngsten Sprosses der von Meysenbugs, dem unschuldig schlummernden Baby ihres Bruders, geschworen hatte. Sie würde nicht aufgeben, sondern alles tun, damit Menschen wie dieses kleine Wesen im rechten Sinne von Frauen erzogen würden, um eine Generation freier Menschen heranzubilden. Unter dem Titel „Der Schwur einer Frau“ hatte sie zu diesem Gelöbnis an der Babywiege einen Artikel geschrieben und an Carl Volkhausen geschickt. Der war so angetan, dass er riet, ihn einem Magazin zur Publikation anzubieten.
Nach Übernachtungen in Köln, Brüssel und Antwerpen lernte Malwida auf der letzten Etappe der Eisenbahnfahrt nach Ostende eine zierliche junge Frau kennen, die nicht erkannt werden wollte, deren Vertrauen sie jedoch im flüsternden Gespräch gewann. Es war Therese Pulzsky, die Frau des ungarischen Freiheitskämpfers Franz Pulzsky. Mit falschem Pass und unter dem Schutz eines ihr bis dahin unbekannten älteren Ehepaares war sie durch Deutschland und Belgien auf dem Weg zu ihrem Mann nach London. Dahin war der nach dem Scheitern des Wiener Aufstandes im Oktober 1848 geflüchtet. Ihre kleinen Kinder hatte sie in Ungarn bei einem Freund zurückgelassen.
In Ostende mieteten sich Malwida, Elisabeth und Anna in einem Gasthof ein, ebenfalls die beiden älteren Begleiter, die es sich nicht nehmen ließen, ihren Schützling bis zum Schiff  zu begleiten. Abends standen alle dann zusammen am Pier und verabschiedeten Therese Pulzsky mit den besten Wünschen zur Überfahrt nach England.
Hatte Malwida schon seit Beginn der Reise das Gefühl, sie könnte freier atmen, war ihr beim Anblick des auslaufenden Schiffes und der unermüdlichen Brandung, als würden die Wellen alle traurigen Gedanken ins Meer spülen. Von Krankheit konnte keine Rede mehr sein. Die drei Frauen nahmen sich einen Umkleidewagen, gingen im Meer baden, lernten am Strand und im Pavillon freundliche Menschen kennen und machten Ausflüge.
So fuhren sie eines Tages mit einem kleinen Boot zum Leuchtturm, wo sie von der Frau des Turmwärters liebevoll empfangen wurden. Malwida war zutiefst beeindruckt von der schlichten Natürlichkeit, mit der diese Frau selbstbestimmt ihren Weg gegangen war und ging. Obwohl ihre Eltern wohlhabend waren und sie zur Schule schicken wollten, hatte sie sich für ihren Traum entschieden und war Fischerin geworden. Bei dieser schweren Arbeit hatte sie ihren Mann kennen gelernt und hatte nun mit ihm und zwei Kindern ein rundum glückliches Leben. Malwida konnte gar nicht genug bekommen von dieser kleinen Welt zwischen Himmel und Wasser. Gebannt lauschte sie den Erzählungen dieser Frau, die es fertig brachte, so konsequent ihren eigenen Weg zu gehen. Diese einfache Natur würde ganz selbstverständlich ihre Kinder zu freien Menschen erziehen.
Auch eine andere Seite war im Kurbad Ostende vertreten, die der Gespräche über gesellschaftliche und religiöse Fragen. Ein belgischer Jesuit suchte häufig die Nähe der drei Damen. Er wollte sie zum rechten Glauben bekehren. Doch bei Malwida, die sich mit ihm fließend in französischer Sprache austauschte, stieß er auf Granit. Beredt stellte sie ihre in den vergangenen Wochen und Monaten gewonnenen Erkenntnisse dar. Es war ihr eine innere Freude zu erleben, mit welcher Sicherheit sie ihm gegenüber ihre Überzeugungen vertrat. Keine der praktizierten Religionen kam für sie in Frage, sondern nur eine Gemeinschaft in Freiheit und Liebe wie Theodor sie in seiner Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ formuliert und auf der Grotenburg gepredigt hatte.
Auch in  Diskussionen über die Stellung der Frau konnte sie die neu gewonnene Sicherheit erproben, indem sie ihre im „Schwur einer Frau“ dargestellten Prinzipien gegenüber ihren männlichen Gesprächspartnern darstellte. Von deren Gegenargumenten ließ sie sich nicht irritieren. Die Erfahrung, nicht nur eine eigene Meinung zu haben, sondern selbstbewusst zu vertreten, bestärkte sie im Vorhaben, alle ihre Kräfte einzusetzen, um Freiheit,  Gerechtigkeit und Gleichheit der Chancen für die Frauen zu erreichen.  
Nach der Rückkehr aus der Kur war Malwida klar, dass sie einen deutlichen Schritt tun musste, um aus dem Meysenbug’schen Dilemma herauszukommen. Sie dachte an Theodor, der ihr vor seiner Abreise nach Leipzig geschrieben hatte, er könne in Detmold zu nichts mehr kommen. Genau an dem Punkt war sie. In der kleinen Residenz konnte sie nichts mehr bewegen. Sie würde die Familie verlassen und da für sie der Weg in die Ehe nicht in Frage kam, würde sie nach Amerika auswandern. Auch wenn sie noch nicht genau wusste, wie sie den Plan umsetzen würde, ging es ihr schon allein mit dem Gedanken an die Erlösung besser.
Außer Elisabeth und einigen demokratisch gesinnten Freunden wie Carl Volkhausen erzählte sie allerdings niemandem davon. Zunächst einmal versuchte sie sich als Schriftstellerin. Nach dem Artikel „Schwur einer Frau“ verfasste sie eine längere Schrift mit dem Titel „Eine Reise nach Ostende“, eine Art Tagebuch mit ihren Gedanken zu politischen und religiösen Fragen, sowie die zur Emanzipation der Frau. Das Manuskript schickte sie mit der Bitte um Publikation an entsprechende Magazine und Verlage.