Montag, 9. Dezember 2013

Eiszeit in Detmold

Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer [im Meysenbugschen Palais]. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.
Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.
In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.
Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  

(1847)

Foto: © Renate Hupfeld (Meysenbugsches Palais in der Hornschen Straße Nr. 19 in Detmold 2006)

Leseprobe aus:
Lebensgeschichte von Theodor Althaus:  
Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (KIndle)



Donnerstag, 14. November 2013

Auszeit in Berlin


In dieser unerträglichen Situation lud Anna Koppe, eine Freundin Elisabeths, sie in ihre Wohnung nach Berlin [Kochstraße] ein. Dort könnte sie eine Zeit verbringen und Abstand gewinnen. Sie nahm das Angebot an.
Schon während der Fahrt in der Eisenbahn spürte sie, wie sie freier atmen konnte. Als dann die Gastgeberin ihr ein herzliches Willkommen bereitete und sie sich zusammen mit deren Freunden frei austauschen konnte, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass es noch etwas anderes gab, als die drückende Enge in Residenz und Elternhaus.
In den Straßen von Berlin war sie unterwegs auf den Spuren der politischen Entwicklungen nach den Ereignissen im März 1848. Die von den jeweiligen Herrschenden der deutschen Länder zum Teil hastig gemachten Zugeständnisse schwammen nach und nach davon. Nach dem Septemberaufstand in Frankfurt und der Oktoberrevolution in Wien hatten Österreich und Preußen mit militärischer Gewalt die Ruhe wieder hergestellt.
Auch in Berlin war es unruhig, erwartete man doch von der Regierung und der preußischen Nationalversammlung, dass sie die Arbeit im Frankfurter Parlament unterstützten und Verordnungen im Sinne der Märzforderungen auf den Weg brachten. Doch die Unterstützer waren in der Minderheit. Einer von ihnen ging bei Anna Koppe ein und aus. Voller Sorge berichtete er, dass der preußische König alles daran setze, um seine alte Macht wieder zu festigen. So hatte er bestimmt, dass der Landtag nicht mehr im Schauspielhaus in der Charlottenstraße tagen sollte, sondern in der Stadt Brandenburg, was einer Auflösung gleich kam. Malwida und Anna waren dabei, als sich eine große Menschenmenge auf dem Gendarmenmarkt versammelte, um gegen diese Maßnahme zu demonstrieren. Sie erlebten, wie Soldaten unter Oberbefehl von General von Wrangel mit Waffengewalt den Platz räumten.
Drei Tage später, am 12. November 1848, unterschrieb der Oberbefehlshaber der Truppen den Erlass zur Verhängung des Belagerungszustandes in Berlin. Angesichts dieser undurchsichtigen Situation die Stadt riet Anna ihrer Freundin, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Sie begleitete Malwida zum Bahnhof, wo sich schon Massen von Ausreisenden unter militärischer Bewachung versammelt hatten, um einen Platz zu ergattern. Wegen eines Sabotageaktes an den Gleisen kam der Zug nur bis Potsdam. Auch dort war wieder dichtes Gedränge auf dem Bahnhof. Malwida stand mitten darin und war dankbar, als ein junger Offizier, der sie von einer Festveranstaltung kannte, ihr seine Hilfe anbot. Von ihm ließ sie sich zum Haus von Theodors Großvater Dräseke bringen, der sich nach seiner Magdeburger Bischofszeit in Potsdam zur Ruhe gesetzt hatte. Obwohl es sehr spät war, wurde sie von Bischof Dräseke und zwei seiner Töchter herzlich aufgenommen.
Als sie eines Tages in diesem unruhigen November 1848 erfuhr, dass Robert Blum in Wien kurzerhand mit den Gewehren hingerichtet worden war und dass Theodors Freund Julius Fröbel, der ebenfalls den Wiener Aufstand unterstützt hatte, das gleiche Schicksal drohte, war sie zutiefst schockiert. Ihr wurde klar, wie stark die Reaktion in Deutschland inzwischen geworden war.
Dennoch endete das Jahr in Frankfurt mit einem großen Erfolg. Die vom deutschen Volk gewählten Delegierten in der Paulskirche hatten beharrlich an ihrer Aufgabe gearbeitet  und den ersten Teil ihres Werkes fertig gestellt. Am 21. Dezember 1848 wurden auf Beschluss der Reichsversammlung die „Grundrechte des deutschen Volkes“ als Gesetz verkündet. Mit großer Freude wurde dieses Ereignis in der gesamten Bevölkerung aufgenommen. Der Text wurde in großen Mengen gedruckt und in ganz Deutschland an die Menschen verteilt.
Schon bald war das schön gestaltete Plakat mit den neun Artikeln auch in Detmold überall an den Wänden angeschlagen, selbst in den kleinsten Hütten. Malwida versorgte ihre Armen und freute sich an der Hoffnung, die in die Herzen gesät wurde.
Besonders freute sie sich am Artikel VI, in dessen Paragraphen es um Wissenschaft und Lehre ging. Nicht nur privilegierten, sondern allen Menschen sollte Bildung zugänglich sein und zuteil werden. Alle Kinder und Jugendlichen sollten in öffentlichen Schulen unterrichtet werden, egal ob arm oder reich, ob männlich oder weiblich. Malwida konnte sich gar nicht satt sehen an den Formulierungen dieses Artikels und hoffte, in irgendeiner Form an der Verwirklichung dieser schönen Paragraphen mitwirken zu können. Im Vordergrund stand vor allem der Gedanke an Chancengleichheit von Männern und Frauen.

Am letzten Tag des Jahres gab es wieder ein unerwartetes Zusammentreffen mit Theodor. Es fand statt im Pfarrhaus unter der Wehme und hatte einen traurigen Anlass. Theodors Mutter Julie Althaus war im Alter von fünfzig Jahren gestorben. Der älteste Sohn war zur Beerdigung für ein paar Stunden angereist aus Hannover, wohin er erst einige Tage zuvor seine Redaktion verlegt hatte. Nach der Beerdigung begleitete er Malwida ein Stück. Sie redeten über den  bitteren Verlust, den der Tod der Mutter für den jungen Redakteur und auch für Malwida bedeutete, und über seine „Zeitung für Norddeutschland“, deren erste Ausgabe am 1. Januar 1849 er gerade vorbereitete. Er war freundlich, jedoch distanziert. Sie nahm sich vor, auch weiterhin seine Leitartikel zu lesen. 

(1848)

Leseprobe aus:

Foto: © Renate Hupfeld 

Freitag, 20. September 2013

Auf dem Friedhof der Märzgefallenen




Auf dem Hügel vor den Toren der Stadt hörte Malwida die Geräusche der Pferdedroschken und der triumphierenden Soldaten nur ganz schwach. So ein bisschen klang es  sogar wie leises Meeresrauschen. Ganz entfernt hörte sie eine Nachtigall und über ihrem Kopf flüsterten die Blätter, als wollten sie die Stille der hier Ruhenden nicht stören. Sie setzte sich neben eines der Gräber, bewachsen mit frischgrünem Efeu und atmete tief ein. Weit entfernt erstreckte sich die preußische Hauptstadt in der weiten Ebene, über der die Sonne langsam unterging.
Hier fern jeglichen Lärms war sie allein mit den Toten. So schön ruhig hier. Nur langsam ordnete sich das Chaos in ihrer Brust. Die unachtsam hin geschleuderten Pfeile trieben immer wieder Tränen in die Augen, die sie wie einen wohltuenden Schleier empfand. Auf keinen Fall konnte sie zurück in den Schoß der Familie. Wie stellte William sich das denn vor? Weibliche Demut? Das ging nicht. Nicht mehr. Auch nicht der Mutter zuliebe. Sie ließ sich nicht mehr verbieten, ihren Verstand zu gebrauchen. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen. Und sie hatte ja bereits ihren Weg gefunden, heraus aus der Enge. Aber das würde William niemals verstehen, obwohl er sie doch lange genug kannte. Er dachte ja nur an sich und seine Position im Ministerium. Die demokratische Schwester war ihm peinlich. Was hatte er gesagt? Teuflischer Verführer? Irrwege? Gescheitert? Sie spürte ihr Herz klopfen. Nein! nein! Nein! Aus sich selbst heraus hatte sie ihre Überzeugungen. Nicht sie, sondern William war auf Irrwegen. Er würde scheitern, nicht sie. Wenn du etwas brauchst, Malwida. Heuchler. Diese Hilfe brauchte sie schon lange nicht mehr. Warum wollten sie das denn nicht begreifen? Sie fühlte sich zwar schwach, doch das würde vorübergehen. Niemals würde sie ihre Ideale verraten, ihre Ideen von einem freien Land mit freien selbstbestimmten Frauen mit denselben Rechten wie Männer sie haben. Selbst, wenn sie gegen Geflogenheiten und geschriebene und ungeschriebene Gesetze handelte. Sie musste auf ihre innere Stimme hören. Wie Antigone. Ja, sie konnte nicht anders handeln, auch nicht der Familie zuliebe.
Wie Antigone.
War ihr jemand gefolgt? Plötzlich kam es ihr vor, als wäre sie nicht allein. Zwei junge Menschen blickten aus einiger Entfernung zu ihr hinüber. Wie lange standen sie wohl schon da? Als sie sich entdeckt sahen, kamen sie ein paar Schritte auf sie zu. Sie stand auf und ging ihnen entgegen, die beiden kamen auch näher.
„Verzeihen Sie, wenn wir Ihre Ruhe gestört haben“, sagte der Mann. „Wir haben Sie lange angesehen, wie Sie da so traurig und gedankenvoll saßen. Sie müssen eine von uns sein.“
Die junge Frau nickte zu seinen Worten.
„Wenn die Arbeit uns mal ein Stündchen Zeit lässt, kommen wir hierher zu den Gräbern unserer toten Freunde.“
„Kannten Sie viele der jungen Menschen, die hier begraben sind?“, fragte Malwida.
„Einige aus dem Handwerkerverein und aus der Fabrik. Dort haben sie gearbeitet wie wir. Carl war erst achtzehn. Und am achtzehnten März ist er gestorben.“
„So viele sind gestorben. Auch ich war einige Male hier“, sagte Malwida.  „In Anwesenheit der Toten finde ich Trost.“
„Sie haben auch jemanden zu betrauern. Das sehe ich Ihnen doch an“, sagte die junge Frau.
„Er war nicht einmal dreißig. Sein einsames Grab ist auch auf einem Hügel vor der Stadt, doch nicht hier, sondern in Gotha. Efeu mochte er so gern, hellgrün, wie das hier auf den Gräbern der jungen Kämpfer.“
„Gestorben im Kampf für die Freiheit des Volkes. Sehen Sie, dort steht es eingemeißelt.“ Der Mann zeigte auf das einfache Denkmal.
„Das Wertvollste haben sie gegeben …“
„… und doch selbst nach vier Jahren noch nicht den verdienten Lohn errungen“, bedauerte Malwida. „Deshalb müssen wir weiterkämpfen, gegen das Joch der Einschränkung und Bevormundung. Gleiche Rechte für alle Menschen. Mitbestimmung brauchen wir, eine freie Presse. Freiheit und Selbstbestimmung auch für uns Frauen.“
„Und den Handwerkerverein“, sagte der junge Mann. „Seitdem der verboten ist, werden wir förmlich in die Schenke getrieben, anstatt in ordentlichen Versammlungen unsere wirklichen Interessen zu wahren und in Freiheit unsere Zukunft zu schmieden.“
Mit dem Versprechen, alles ihnen Mögliche zu tun, damit das Blut der Gefallenen vom 18. März 1848 nicht umsonst geflossen war, verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck. Das junge Paar ging eng umschlungen seinen Weg und Malwida kehrte getröstet und in ihren Grundsätzen gefestigt zurück in das hektische Treiben der Straßen von Berlin.

(April 1852)


Leseprobe aus:


Lebensgeschichte von Theodor Althaus:  

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (KIndle)


Fotos: © Renate Hupfeld (Auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin Friedrichshain fotografiert am 19. September 2013)

Samstag, 15. Juni 2013

Malwida und Theodor


Die Eiszeit für die Verbindung zwischen Malwida von Meysenbug und Theodor Althaus hielt an. In der Detmolder Gesellschaft gerieten die zwei Liebenden immer weiter ins Abseits. Wenn sie in der Öffentlichkeit zusammen gesehen wurden, gab es böse Anfeindungen, selbst von Menschen, die sie für ihre Freunde gehalten hatten. Das hatte zur Folge, dass beide sich weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurückzogen. Malwida verbrachte die Zeit schreibend und lesend in ihrem Zimmer. Zu ihrem Lesestoff gehörte eines der ersten Drucke von Theodors Schrift „Die Zukunft des Christenthums“ sowie seine Artikel in der Bremer „Weser-Zeitung“ und in literarischen Magazinen. Ihr Freund arbeitete weiter an Veröffentlichungen zu seinen Gedanken und Idealen. In seiner Studierstube im Elternhaus bereitete er außerdem eine Sammlung von Erzählungen vor, Zeitbilder unter dem Titel „Mährchen aus der Gegenwart“, in die seine Eindrücke von der Detmolder Beschaulichkeit sowie Begegnungen und Beobachtungen auf seinen einsamen Wanderungen an Weser und Rhein einflossen.
Im Juni des Jahres 1847 war für die zwei klar, dass sie Detmold verließen, jedoch nicht zusammen. Ihre Wege trennten sich. Theodor schaffte den Absprung nach Leipzig, wo er in der von Autoren und Verlegern geprägten Szenerie Gleichgesinnte fand. Mit Essays, Rezensionen, Übersetzungen und Beiträgen in Publikationen von Arnold Ruge und Robert Blum gelang es ihm, auf eigene Beine zu kommen. Malwida fuhr mit der Mutter und Schwester Laura in südliche Richtung nach Hessen. Mit der Postkutsche fuhren sie bis Hamm, von dort mit der Eisenbahn nach Köln und von dort mit dem Schiff rheinaufwärts nach Bingen und über Frankfurt nach Homburg, wo der Vater für den Sommer eine Wohnung gemietet hatte.
In dem beliebten Badeort im Taunus trafen sich nicht nur Heilungsuchende. Homburg hatte sich zu einem Ort der glanzvollen Feste und Vergnügungen entwickelt. Jedoch hofften die Eltern von Meysenbug vergeblich, die dreißigjährige Tochter in diesem Umfeld mit einem standesgemäßen Mann zusammen und unter die Haube zu bringen. Malwida blieb weiterhin ihrem Prinzip treu, das sie sich beim Sonnenaufgang in der Provence gelobt hatte. Im Übrigen sprach ihr Herz eine Sprache, die Eltern und Geschwister nicht verstanden. Treu ihrem Gelöbnis und in ihrem Schmerz über die Trennung von Theodor mied sie die Vergnügungen in den Ballsälen und suchte die Einsamkeit. In stillen Eckchen im Homburger Schlosspark verweilte sie viele Stunden an einem stillen Gewässer unter alten Bäumen, im Zwiegespräch mit ihrem Skizzenbuch und Gedichten von Friedrich Hölderlin. In den Werken des verehrten Verfassers, der in den Diotimagedichten seinen unerfüllbaren Traum bearbeitet hatte, fand sie eine Parallele zu ihrer unglücklichen Liebe. Wie Friedrich und Suzette konnten auch Theodor und sie nicht zusammenkommen, zu groß war der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Einzige Freude in dieser traurigen Zeit war der Briefwechsel zwischen Leipzig und Homburg.

Und es wurde noch trauriger. Ein nicht vorherzusehendes Ereignis beendete den Sommeraufenthalt im Taunus eher als geplant. Der Vater erkrankte ernsthaft und konnte seiner Familie nicht in das Sommerhaus folgen. Ernestine von Meysenbug zog mit ihren Töchtern zu ihm in die Frankfurter Wohnung. Nach aufreibenden Jahrzehnten als Staatsmann erholte sich der Achtundsechzigjährige nicht mehr. im Dezember des Jahres 1847 starb Carl Rivalier von Meysenbug.  

"1847 - Detmold und Homburg im Taunus" aus:

Malwida und der Demokrat (Kindle)

Lebensgeschichte von Theodor Althaus:  

Theodor Althaus - Revolutionär in Deutschland (KIndle)




Mittwoch, 22. Mai 2013

1882 Parsifal in Bayreuth






Der Sommer 1882 rief mich nun wieder nach Bayreuth und zwar schon früh, um allen Proben zu Parsifal beizuwohnen, der zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Als ich einige Jahre früher, im Sommer 78, zu Besuch bei Wagners war, kam der Meister eines Tags aus seinem Arbeitszimmer oben im Haus zu uns herunter und sagte: „So, nun habe ich meinen zweiten Akt fertig gemacht. Das ist mir schwer geworden, so etwas schreib ich nicht wieder.“ Dann hörte ich Liszt aus dem ersten Akt spielen und drei Jahre später in Neapel, wie erwähnt, die erste Gralsscene singen. Nun war das Werk vollendet und zur Aufführung bereitet und um nichts in der Welt hätte ich versäumen mögen, dieser ersten Aufführung beizuwohnen. Schon im Jahr vorher in Neapel hatte mich Joukoffski, der ein Haus in der Nähe von de Hause Wagners gemietet hatte, aufgefordert, mich in dem Parterre, welches er nicht benutzte, einzumieten, und ich war gern darauf eingegangen, da ausser mir nur noch Stein im Hause wohnte, und dies mir also ein sehr sympathisches Trio wurde, welches die Stimmung zuliess, wie sie zur Anhörung des erhabenen Kunstwerks einzig sein musste. Wie sich nun in den Proben nach und nach diese Wunderwelt der Töne vor mir auftat, steigerte sich von Tag zu Tag meine Ergriffenheit. In der Generalprobe, wo nur wenige Eingeweihte zugelassen waren, sass ich neben Liszt, welcher die Partitur vor sich hatte; plötzlich in Ekstase ergriff er meinen Arm und sagte ganz ausser sich: „Ce n’est pas à croire à ses oreillies!“ Seine älteste Enkelin, die feurige Daniela von Bülow, die auf der anderen Seite neben mir sass, sagte, als das Liebesmahl im Gralstempel zu Ende war und die 3 Ritter sich den Bruderkuss gaben: „Ich wollte, ich hätte einen Todfeind, um ihm in diesem Moment zu vergeben.“ Da waren alles Zeugnisse der Wirkung, die von diesem Werke ausging und die sich durch das Anhören sämtlicher Aufführungen nicht abschwächte, sondern eher noch wuchs.

[…]

Auszug aus Malwida von Meysenbug, Lebensabend einer Idealistin,  März 1898, Verlag Schuster und Löffler Berlin und Leipzig 1903, Seite 206 / 207

Auf den Spuren von Richard Wagner in Bayreuth

1882 Parsifal in Bayreuth






Der Sommer 1882 rief mich nun wieder nach Bayreuth und zwar schon früh, um allen Proben zu Parsifal beizuwohnen, der zum ersten Mal aufgeführt werden sollte. Als ich einige Jahre früher, im Sommer 78, zu Besuch bei Wagners war, kam der Meister eines Tags aus seinem Arbeitszimmer oben im Haus zu uns herunter und sagte: „So, nun habe ich meinen zweiten Akt fertig gemacht. Das ist mir schwer geworden, so etwas schreib ich nicht wieder.“ Dann hörte ich Liszt aus dem ersten Akt spielen und drei Jahre später in Neapel, wie erwähnt, die erste Gralsscene singen. Nun war das Werk vollendet und zur Aufführung bereitet und um nichts in der Welt hätte ich versäumen mögen, dieser ersten Aufführung beizuwohnen. Schon im Jahr vorher in Neapel hatte mich Joukoffski, der ein Haus in der Nähe von de Hause Wagners gemietet hatte, aufgefordert, mich in dem Parterre, welches er nicht benutzte, einzumieten, und ich war gern darauf eingegangen, da ausser mir nur noch Stein im Hause wohnte, und dies mir also ein sehr sympathisches Trio wurde, welches die Stimmung zuliess, wie sie zur Anhörung des erhabenen Kunstwerks einzig sein musste. Wie sich nun in den Proben nach und nach diese Wunderwelt der Töne vor mir auftat, steigerte sich von Tag zu Tag meine Ergriffenheit. In der Generalprobe, wo nur wenige Eingeweihte zugelassen waren, sass ich neben Liszt, welcher die Partitur vor sich hatte; plötzlich in Ekstase ergriff er meinen Arm und sagte ganz ausser sich: „Ce n’est pas à croire à ses oreillies!“ Seine älteste Enkelin, die feurige Daniela von Bülow, die auf der anderen Seite neben mir sass, sagte, als das Liebesmahl im Gralstempel zu Ende war und die 3 Ritter sich den Bruderkuss gaben: „Ich wollte, ich hätte einen Todfeind, um ihm in diesem Moment zu vergeben.“ Da waren alles Zeugnisse der Wirkung, die von diesem Werke ausging und die sich durch das Anhören sämtlicher Aufführungen nicht abschwächte, sondern eher noch wuchs.

[…]

Auszug aus Malwida von Meysenbug, Lebensabend einer Idealistin,  März 1898, Verlag Schuster und Löffler Berlin und Leipzig 1903, Seite 206 / 207

Auf den Spuren von Richard Wagner in Bayreuth

Donnerstag, 16. Mai 2013

1846 Pfingstwanderung zum Hermannsdenkmal



Malwida war sehr früh aufgewacht. Wie immer, wenn ein Wiedersehen mit Theodor bevorstand, war sie aufgeregt. Den ganzen Winter über hatte sie ihn nicht gesehen, nur ab und zu Briefe von ihm erhalten. Das war im vergangenen Sommer noch anders gewesen. Bei literarischen Abenden im Salon der Mutter hatte er den zweiten Teil von Goethes „Faust“ vorgetragen. Das konnte niemand so wie er. Niemand konnte die Zuhörer mit Worten so fesseln wie Theodor. Allein seine Stimme. Sie bekam nie genug davon, wenn er sprach. Doch seitdem er seine freiheitlichen Gedanken zu Religion und Gesellschaft in Magazinen und Broschüren publizierte, redete man in der lippischen Residenz über ihn. Und nichts Gutes. Vor allem in Malwidas Familie war ihre Verbindung zu ihm ein Ärgernis. Von Bruder Carl von Meysenbug und Schwager Funck von Senftenau heftig abgelehnt und für die Mutter war er längst nicht mehr der erwünschte Partner für die Tochter, den sie sich drei Jahre zuvor noch gut als Partner für die Tochter hätte vorstellen können. Verächtlich nannte man ihn nun einen Demokraten, von dem die heiratsfähige Tochter sich fernzuhalten hatte.
So hatte Malwida auch niemanden im Hause über ihr Vorhaben an diesem Pfingsttage informiert. Zusammen mit Theodor und dessen Schwester und Bruder plante sie einen Ausflug zum halb fertig gestellten Hermannsdenkmal auf die Grotenburg. Ihrer Mutter hatte sie nur gesagt, dass sie mit Freunden in der freien Natur spazieren gehe. Längst hatte Ernestine von Meysenbug es aufgegeben,  von ihrer Tochter gemeinsame Kirchgänge zu erwarten. Sie und Laura würden nicht verstehen, warum ihr diese Demonstration für das Denkmal zur Einheit des deutschen Volkes so wichtig war, gehörten sie doch zu denjenigen in der lippischen Residenz, die sich weigerten, den Erbauer Ernst von Bandel  zu unterstützen. Ein Wunder, dass der Mann überhaupt noch an dem Vorhaben weiter arbeitete. Wie lange noch? Das Geld war ausgegangen, das Bauwerk war viel teurer geworden, als vorgesehen. Und die Figur des Cheruskerfürsten Hermann? Das war die Frage. Immerhin war der Sockel fast fertig gestellt. Man hatte das Bauwerk für diesen Festtag zur Besichtigung frei gegeben.
Es war noch ruhig auf der Hornschen Straße, kein Mensch zu sehen. Theodor würde über die Leopoldstraße kommen. Doch es war noch früh. Malwida nutzte die Zeit und schlug ihr Reisebuch auf. So nannte sie das Skizzenbuch jetzt. Auch ein Jahr nach der Rückkehr aus der Provence war es noch immer ihr bester Freund. Erinnerungen an Monsieur Hugo am Place de Palmiers, die bescheidene Fischerfamilie und deren glückliches Leben, die einsam verträumte Abendstunde am Lac du Bourget und die zwei Bäume im Wind am Rande der Passstraße zum Col Bayard, ein kleiner und ein großer, nachträglich vorsichtig koloriert in warmen Grüntönen vor schneebedeckten Berggipfeln. Wie Morgenstern es sie gelehrt hatte, zum Hintergrund hin heller werdend, um Tiefenwirkung zu erzielen. Sie wusste selbst nicht, ob ihr das gelungen war, doch dieses Bild gefiel ihr von allen am besten, weil es sie daran erinnerte, was sie dem großen Weltgeist auf dem Weg zur Passhöhe gelobt hatte. Den unbequemen Weg wollte sie gehen, der zur Wahrheit führte. Wie seltsam, dass sie das Bild gerade jetzt vor sich hatte, gezeichnet am Pfingstfest vor einem Jahr. Zwei Bäume im eisigen Wind warten auf den Frühling.
Endlich war es so weit. Zusammen mit Schwester und Bruder bog ihr Apostel um die Ecke und schaute gleich hoch zu ihrem Fenster. Sie winkte hinaus und lief die Treppe hinunter. Das schwere Eichenportal schloss sie so leise wie möglich, damit niemand geweckt würde.  Theodor kam ihr schon entgegen. Sie reichte ihm die Hände und ein Blick in seine Augen sagte, er hatte sie noch lieb. In stiller Übereinkunft gingen sie entlang des Wassergrabens durch die Allee, am Palaisgarten vorbei, bis sie die Wiesen vor der Stadt erreichten. Dann durchquerten sie die Felder und wanderten zwischen jungen Birken und Kiefern, bis sie den Pfad im Wald erreichten, der hinauf führte zum Denkmal auf der Grotenburg. Elisabeth und Friedrich gingen  voraus, so dass sie nach einer Wegbiegung gar nicht mehr zu sehen waren.
Angenehm war es hier im Schatten zwischen den schlanken Buchenstämmen, umgeben vom hellen Grün der frischen Blätter. Als sich ihre Hände berührten und seine Finger sanft die ihren umschlossen, fühlte sie sich glücklich wie lange nicht mehr. Ihr Traum am Lac du Bourget war Wirklichkeit in dem Moment. Lass mich mit ihm weiter gehen, immer weiter diesen Weg, lass es nie zu Ende sein, wünschte sie insgeheim.
„Elisabeth und Friedrich sind gar nicht mehr zu sehen“, sagte er und da war der Traum auch schon wieder zu Ende geträumt. Überall wurden sie beobachtet, nie waren sie allein.
„Wir werden sie bald einholen.“
„Ist Ihre Frau Mutter wohlauf, Malwida?“
Was sollte sie ihm antworten? Die Mutter würde ihr am liebsten verbieten, ihn zu sehen. Sollte sie ihm das sagen?
„Ach, Theodor“, seufzte sie. „Mutter sorgt sich sehr um den Vater. Er zieht immer noch durch die hessischen Lande mit dem alten Kurfürsten, während sein Sohn in Kassel die Regierungsgeschäfte wahrnimmt. Er kommt nicht zur Ruhe und der Vater auch nicht. Dabei sind sie doch auch nicht mehr die Jüngsten. Die Eltern sehnen die guten Kasseler Jahre zurück.“
„Besser wird es nicht, Malwida.“
Wie sanft seine Stimme klang. Sie sah zu ihm hoch. Nein, sie konnte nicht von ihm lassen. Die blauen Augen und das klare Profil. Er war nicht nur ein schöner Mann, er war ein ganz besonderer Mann. Sie liebte ihn, dachte an die vielen Stunden in kleinen Kreisen, in denen sie sich in so vielen Gedanken einig waren. Seine Ideen waren ihre Ideen und umgekehrt.
„Wie sich auch für uns die Zeiten verändert haben.“
„Die Luft ist kalt geworden“, antwortete er und sie dachte an die zwei Bäume im eisigen Wind auf dem Weg zur Passhöhe, den großen und den kleinen.
„Seitdem man Sie aus der Ressource ausgeschlossen hat, ist es noch frostiger um uns herum.“
„Hach, der Leseverein.“ Er lachte bitter. „Dabei sollte der Saal im Rathaus doch für jedermann sein, so steht es in den Statuten. Da sehen Sie die Heuchelei, liebe Freundin. Nur Leute ohne eigene Meinung dürfen da hinein.“
„Es sei denn, sie sagen sie nicht.“ Malwida spürte Zorn aufsteigen. „Dabei haben Sie in Ihrem Artikel zum Fürstenjubiläum nur gesagt, was viele denken. Das Volksfest hatte diesen Namen nie und nimmer verdient. Das Volk war nur Staffage, wie sie es geschrieben haben. So viel Geld für ein Feuerwerk. Wie vielen Armen hätte man damit helfen können? Und das Theater verschlingt viel zu viel Geld. Sie haben nur die Wahrheit geschrieben. Frank und frei.“
„Wie können Sie so reden, Fräulein von Meysenbug? Was sagt Ihr Bruder dazu und Ihr Schwager, der Intendant? Sind die doch in herausragender Stellung am Hofe.“
Den Zynismus in seinem Ton konnte sie nur schwer ertragen. Dabei sagte er auch ihr nur, was er dachte. Sollte sie ihm erzählen, dass Bruder Carl und Schwager Funck ihn einen durch und durch unmoralischen Menschern nannten, ihr ständig Vorwürfe machten und spotteten, wie sie sich so herablassen könne und sich mit einem Demokraten einlassen? Er würde es klar ausdrücken, aber ihre Art war es nicht, fürchtete sie doch zu sehr, jemandem Unrecht zu tun. Doch wenn sie recht überlegte, taten die beiden Männer doch nicht nur Theodor Unrecht, sondern auch ihr, indem sie vorschrieben, wen sie lieben sollte oder nicht lieben durfte.
„Diese Kluft, Theodor, von der Sie geschrieben haben, zwischen denen, die in der Reitbahn stundenlang tafeln und denen, die ihr karges Mittagessen in einem Topfe kochen, die hat sich auch zwischen uns aufgetan.“
„Was soll ich dazu sagen? Ich denke an manche Abende im Salon in Ihrem Palais. Schon vor dem Artikel war ich ein Fremdkörper in Ihrem Hause.“
„Theodor“, entrüstete sie sich.
„Sie haben getan, was Sie konnten, Malwida, immer wieder die Wogen geglättet, mich beschwichtigt in Ihren Briefen. Und ich weiß warum. Weil sie mich zu sehr lieben.“
„Sehen Sie, so ist es auch. Ich war Ihnen nie gram, wenn sie so direkt die Wahrheit sprachen und damit aneckten.“
„Das weiß ich, Malwida, und weiß auch zu schätzen, dass Sie immer zu mir hielten und es weiterhin tun. Doch vor Tatsachen können wir nicht die Augen verschließen. Sie sind Aristokratin. Sie könnten in Adelskreisen eine gute Partie abgeben. Haben Sie nicht immer gerne getanzt mit den jungen Prinzen im Ballsaal des Schlosses?“
„Das ist lange her, Theodor. Machen Sie mich nicht wütend. Ich habe Ihnen doch erzählt von meiner Erkenntnis beim Sonnenaufgang über dem Meer auf der Straße von Toulouse nach Hyères. Warum glauben Sie mir denn nicht, dass mir der schwierige Weg lieber ist als der bequeme, der mich vielleicht zum Anhängsel eines Mannes von Stand macht. Ach, es ist doch schon alles schwierig genug.“
„Durch mich haben Sie Schwierigkeiten, liebe Freundin, vergessen Sie das nicht. Nur durch mich. Ohne mich sähe ihr Leben anders aus. Werden Sie denn überhaupt noch zu Gesellschaften im fürstlichen Hause eingeladen?“
„Nicht mehr so oft.“
„Das heißt, überhaupt nicht. Man redet über uns beide in dieser beschaulichen Residenz. Unsere Wanderung heute wird doch auch wieder ein böses Geschwätz geben.“
„Darüber gräme ich mich überhaupt nicht. Meinen Sie, es macht mir Freude mit Menschen zusammen zu sein, bei denen ich nicht denken darf, wovon ich überzeugt bin? Muss ich denn an Orten sein, wo ich nicht sagen darf, was ich denke? Ich bin nicht mehr so sanft und nachgiebig, wie man von mir glaubt.“
Er lachte, legte zärtlich seinen Arm um ihre Schultern und sie ihren auf seine Hüfte. So gingen sie eng umschlungen, so eng, wie möglich. Am Ende des Waldweges führte nach einer Biegung ein breiter Weg geradeaus zum Denkmal. Der Bau aus hellgelbem Sandstein leuchtete vor strahlend blauer Kulisse. Wie ein Tempel sah er aus mit den Säulen rundherum. Rechts waren Schiebekarren und Schaufeln in einem Schuppen abgestellt und auf dem Rasenplatz zu Füßen des Gebäudes hatten sich Menschen friedlich plaudernd niedergelassen. Theodors Geschwister warteten dort  schon und gemeinsam gingen sie um das mächtige Gebäude herum.
„Es ist alles schön“ sagte Theodor,  „aber so recht fehlt mir die Harmonie. Mir scheint, die einzelnen Teile passen nicht zusammen. Die glatte runde Form des unteren Teils, die gotisch anmutenden Säulen, die aber dann nicht in spitze gotische Formen münden, das Eichenlaub, Ich kriege das nicht zusammen.“
„Die Figur des Hermann fehlt ja auch noch. Dadurch wirkt das Denkmal noch unfertig, was es ja auch ist“, meinte Malwida.
Über eine schmale Wendeltreppe stiegen sie zwischen engen dunklen Mauern hinauf auf die Plattform. Dort hatten sie freie Sicht und konnten über die Ebene der Senne weit hinwegsehen. Malwida war, als könnte sie sogar fern im Westen den Rhein sehen. Sie stellte sich vor, an der Hand des geliebten Mannes in diese Richtung zu gehen, immer weiter, bis sie gefunden hätten, was sie sich mehr wünschten, als alles andere auf der Welt. Der Mann, den sie liebte, stand still an ihrer Seite und schaute ebenfalls in die Ferne, als hätte er gerade dieselben Gedanken von Freiheit und Liebe.
Als die Töne einer Kirchenglocke aus dem Tal heraufdrangen, nahm Elisabeth ihren Bruder an die Hand und bat ihn, zu den Leuten zu sprechen, die dort so andächtig standen, als würden sie darauf warten, dass jemand das tat.
„Die Menschen haben es verdient, dass in dieser festlichen Stunde jemand zu ihnen spricht, Theodor“, meinte auch Malwida.
„Und wer sollte das tun? Etwa ein Prediger ohne Anstellung?“
„Wer könnte das besser, als Sie, mein lieber Freund? Sie haben ihnen doch eine ganze Menge zu sagen. Sie warten auf eine Botschaft. Denken Sie doch an Ihr Buch.“
Damit meinte sie seine Schrift von der Zukunft des Christentums, an der er all die Wintermonate lang gearbeitet und jetzt fertig gestellt hatte.
Nach einigem Bedenken legte er seinen schwarzen Hut auf eine Bank, sodass ihm die dunklen Locken auf die Schultern fielen, und schaute einige Landmänner und Handwerker an, die in  der Nähe standen. Als die auch ihre Kopfbedeckung ablegten,  begann er seine Predigt. Er sprach vom Gott, der nicht in Tempeln wohne, sondern überall auf der Welt sein Reich habe, und vom Geist des Pfingstfestes als dem Geist der Freiheit und der Liebe und er redete von einer Welt, in der es genügend Brot für alle gebe. Zum Schluss sprach er noch einige Worte zum Denkmal und der damit verbundenen Verpflichtung zur Einigkeit der ganzen deutschen Nation.
Die Umstehenden verharrten noch eine Weile und nickten dem jungen Prediger zu, als wollten sie ihm mitteilen, dass seine Worte ihnen Hoffnung auf bessere Zeiten gegeben hatten. Ein Mann kam auf ihn zu, gab ihm die Hand und bedankte sich für die feierliche Stunde. Aus Leipzig kam er, wo er eine Buchhandlung hatte, erfuhren sie. Die Reise an die Weser hatte er gemacht, um das Grab seiner verstorbenen Frau zu besuchen und fühlte sich nun getröstet.
Malwida fühlte sich an den jungen Prediger in der Detmolder Stadtkirche erinnert, den Kandidaten der Theologie nach dem Studium. Seine erste öffentliche Predigt. Einen schwarzen Talar hatte er getragen und dunkle Locken bis auf die Schultern wie jetzt. Ganz still war es zwischen den Bänken, als er seine Gedanken und Ideen zu einem Leben in Freiheit und Liebe formulierte, so glänzend, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Damit hatte er sie von ihren zerstörerischen Zweifeln befreit und seitdem hatte er einen Platz ganz tief in ihrem Herzen.
Auf dem Heimweg ging ihr Apostel schweigend an ihrer Seite. Sie fühlte, was ihn bedrückte. Was nützte ihm der Zuspruch der Menschen, wenn diejenigen, die zu bestimmen hatten, ihm keine Möglichkeiten zur Entfaltung seiner Fähigkeiten gaben? Sein Vater hatte einmal als junger Prediger in einer lippischen Landgemeinde begonnen und war jetzt Generalsuperintendent des Fürstentums. So eine Laufbahn hätte er für Theodor auch gewünscht. Doch daran war gar nicht zu denken, zu klar seine Überzeugungen, zu ehrlich und zu offen vorgetragen, seine Vorstellungen von Erneuerungen in Kirche und Staat.
Die Geschwister waren wieder voraus gegangen. Es war schwierig ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Sie nahm seine Hand.
„Wenn es doch so einfach wäre“, seufzte er.
„Warum machen Sie es sich so schwer?“
„Malwida, habe ich den Menschen Hoffnungen gemacht, die nicht erfüllt werden können?“
„Sie haben den Menschen sehr viel gegeben, Theodor.“
„Nein, nein, etwas anderes brauchen sie.“ 
„Haben Sie denn nicht ihre Augen gesehen? Hoffnung und Zuversicht waren darin zu lesen.“
„Von Gerechtigkeit habe ich gesprochen. Gibt es die denn in diesem Lande?“
„Wir müssen Geduld haben.“
„Meine Geduld ist erschöpft, lange schon.“
Unter einer großen Kastanie im Palaisgarten blieb sie stehen. Hier hatte sie oft gesessen, auf die Stadt hinunter geschaut, gezeichnet und Gedichte geschrieben. Sollte denn dieser schöne Tag einfach davon fliegen?
„Sehen Sie doch die herrliche Natur, Theodor. Vögel zwitschern und bauen Nester.“
„Und die Menschen bauen Häuser, das wollen Sie doch sagen.“
„Immer wieder tun sie das. Sie geben die Hoffnung nicht auf.“
„Doch ist dort Gerechtigkeit? Nein. Rauchende Öfen in niedrigen Stuben und schreiende Kinder. Was nützt den Menschen die herrliche Natur, wenn sie nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überleben sollen. So ist es doch in unserem Lande. Die meisten leiden Not. Allergrößte Not. Sie wissen es doch selbst von Ihren Besuchen bei den armen Familien, Malwida. “
Ein Ausdruck von Härte war in seinen Augen.
„Das ist schon wahr. Doch es braucht Zeit, Theodor.“
„Sehen wir es doch, wie es ist. Wenigen geht es gut und die vielen anderen sind bitterarm. Dabei müssen die Armen von dem Wenigen den Reichen noch abgeben. Ist das denn gerecht? Freiheit und Liebe ist nur möglich, wenn es allen Menschen gut geht.“
Ja, das war ein weites Feld. Sie waren den Weg hinunter gegangen bis zur Hornschen Straße und erreichten das Meysenbugsche Palais.
„Wie soll das nur weiter gehen mit uns?“, sagte Malwida traurig.
Sanft nahm er ihre Arme, zog sie an sich. „Wenn es hier nur nicht so eng wäre. Ich bin mir sicher, dass tausend Augen uns jetzt in diesem Moment aus den Fenstern beobachten. Diese erbärmliche Feigheit ödet mich an.“
„Mir geht es nicht anders. Was sollen wir nur tun, Theodor?“
„Wir haben unsere Liebe. Und doch. Wir brauchen Freiheit.“
„Von der sind wir weit entfernt.“
„In dieser Enge kann Liebe nicht reifen, Malwida.“ 

aus: Wenn wir von Liebe reden (ebook und print)

Dienstag, 9. April 2013

1845 Ausflug zum Burgberg

Zeichnung: Entrée d’Hyères aus: Promenade Pittoresque a Hyères ou notice statisitque sur cette Ville, ses environs et les Iles, par M. Alphonse Denis, Maire de la ville d’Hyères et Deputé du Var, 1841


Die beiden Frauen schlenderten durch die Gassen der Altstadt, vorbei an dem mächtigen runden Turm, überquerten den Marktplatz und gingen hinaus aus der Stadt, wo der Weg auf den Burgberg führte. Mit großen Steinen war er gepflastert und sehr holprig. Als sie eine Weile steil bergauf gegangen waren, blieb Pauline stehen.„Puh, ist das anstrengend“, hechelte sie, „fühle mal mein Herz.“ Sie nahm Malwidas Hand und drückte sie an ihre Brust.
„Es pocht heftig, meine Kleine. Du brauchst eine Pause. Doch die paar Meter bis zu unserer Nische schaffst du noch“, ermunterte die Ältere und zog ihre Freundin hinter sich her, bis sie die Klostermauer erreicht hatten, wo sie sich im Schatten der bogenförmigen Mauernische ausruhen konnten.
„Wie schön es hier wieder ist und so still, als sei nichts geschehen“, sagte Pauline. „Kaum vorstellbar, dass hier noch vor einer Woche ein Derwisch an der Pinie gezerrt hat, weißt du noch?“
„Sicher. Der Mistral gehört zu dieser Gegend wie Felsen, Sand und Meer. Ich hatte auch Angst um den zierlichen Baum. Deshalb habe ich ihn schnell gemalt.“
Sie holte ihr Skizzenbuch hervor und blätterte darin, bis sie die Zeichnung gefunden hatte. „Hier siehst du das stürmische Intermezzo. Gut, dass es Papier und Bleistift gibt.“ Sie blätterte weiter. „Und das da bist du, Pauline. Wie dir der Sturm den Rock über den Kopf fegt.“
Sie lachten.
„Und das bist du auch“, fuhr Malwida fort, „am Bachufer sammelst du Pflanzen.“
„Für mein Herbarium. Da hast du mich heimlich gemalt, du kleine liebe Freundin. Du, jetzt juckt es mich in den Fingern. Lass uns auf Motivsuche gehen“, schlug Pauline vor.
„Einverstanden“
Sie wanderten hoch bis zum alten Gemäuer der Burganlage von wo sie in der südlichen Richtung das Meer mit den Inseln sahen und nach Osten hin endlos scheinende Bergketten.
Was hältst du von diesem Blickwinkel?“, fragte Malwida und zeigte auf die weite Ebene mit einem von Zypressen und Laubbäumen gesäumten Flusslauf, einer Kirche zwischen vereinzelten Häusern, idyllisch eingebettet vor der Kulisse des Massivs.
„Ausgezeichnet“, bestätigte die Freundin.
Auf einer Mauer ließen sie sich nieder und packten ihre Zeichensachen aus. Malwida hatte  eine Idee. Sie legte ihr Skizzenbuch der Freundin in den Schoß.
 „Heute machen wir es einmal ganz anders. Du zeichnest in mein Buch und ich in deines. Dann hat jede eine schöne Erinnerung an diesen Tag und all die gemeinsamen Tage vorher.“
Den Vorschlag fand Pauline ausgezeichnet und so zauberte jede Strich für Strich mit spitzem Bleistift das unbeschreibliche Panorama in das Buch der anderen.
‚Erinnerung an gemeinsam verbrachte Stunden in Freiheit und Liebe’, schrieb Malwida unter das ihrer Weggefährtin gewidmete Bild.
Auch Pauline schrieb eine Widmung unter ihr Werk:
‚Dort erhebt sich niemals Lärm….
Seinen Traum kann man träumen,
bis er endet
und ihn dann von vorne beginnen,
4. Mai 1845, P.’
Jede sah sich noch einmal die gesamte Bildersammlung der anderen an und ließ die provençalische Winterreise an sich vorbeiziehen. Dann tauschten sie die Bücher zurück und blieben schweigend nebeneinander sitzen, bis die Sonne sich schon zur Felsspitze hinuntersenkte.
„Kann eine Landschaft schöner sein? Berge, Täler und herrliche Gärten bis zum Meer. Ich kann mich gar nicht satt sehen“, begann Malwida.
„Die Sonne geht im Meer auf und in den Bergen unter. Das fällt mir jetzt erst auf. Traumhaft schön ist es hier oben, ich könnte ewig so sitzen bleiben“, schwärmte auch die Jüngere.
„Das Zusammenspiel von Formen, Farben und Licht, gerade zu dieser Stunde der tief stehenden Sonne. Genauso wie mein Lehrer es beschrieb“, erinnerte sich Malwida. „Jetzt erst verstehe ich, was Carl Morgenstern damit gemeint hat, das Schweben in der einzigartigen Landschaft, als wären wir selbst ein Teil davon. Wäre er doch jetzt hier! “
„Schweben in der Landschaft. Das hört sich gut an. Er muss ein faszinierender Lehrer sein. Du hast eine Menge von ihm gelernt.“
„Stimmt. Einige seiner Gemälde haben mich so gefesselt, dass ich sie unter seiner Anleitung nachgemalt habe. Terraccina zum Beispiel, mein Lieblingsbild von ihm.“
„War Carl Morgenstern auch hier in Südfrankreich zum Malen?“
„In Italien war er, aber die Landschaften auf seinen Bildern sind dieser hier sehr ähnlich. Felsen, Meer und Weite, Kompositionen in Orange- und Violetttönen, wie es sie in unseren nördlichen Gegenden gar nicht gibt.“
„War er nur dein Lehrer oder hat er dir mehr bedeutet?“
„In Frankfurt hatte ich einen Winter lang Unterricht bei ihm. Im vergangenen Jahr war das. Die Stunden hatte ich meinem Vater abgetrotzt. Von den Ölfarben habe ich ihm nichts erzählt. Für die habe ich eine goldene Kette und noch anderen Schmuck verkauft.“
„So etwas macht man doch nur, wenn man sich etwas ganz stark wünscht. Warst du in Carl Morgenstern verliebt?“
„In der Familie wurde gemunkelt. Du kennst das vielleicht, Pauline. Die Verbindung zu einem Maler hätte man nicht gern gesehen. Brotlose Kunst nannte man seine Arbeit.“
„Ja, ja, das kenne ich. Doch erzähl weiter.“

Leseprobe aus: Malwida und der Demokrat

Dienstag, 26. Februar 2013

1845 Abschied von der Provence




Der Winter war vergangen und sie wusste nicht, ob sie sich über den strahlenden Frühlingsmorgen freuen sollte. Abschied lag in der Luft. Malwidas letzter Sonntag in dieser unvergleichlichen Gegend. Allein der Blick aus dem Fenster würde ihr fehlen, wenn sie in vier Tagen das Paradies verlassen musste. Die Landschaft, so reich an Schönheit, so angenehm zum Leben.
Machte die üppige Natur in dem milden Klima das Leben leichter? Zauberte die Schönheit der Landschaft ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen? Sie dachte an die Fischersleute, deren zwei hübsche Töchter sie vor einigen Tagen gemalt hatte und die sich gestern mit einem Korb herrlicher Früchte und Blumen bedankt hatten. Sie wohnten beengt, doch lachten sie viel und von den Früchten des Baumes vor ihrem Häuschen konnten sie noch anderen etwas abgeben. Eigentlich waren sie arm, doch es war eine andere Armut, als die der Menschen in der nordischen Heimat, die sich an bitterkalten Wintertagen eng zusammendrängten und um das tägliche Brot bangen mussten.
Malwida von Meysenbug schaute über den Orangenhain hinweg bis hinunter zum Meer. Auch sie fühlte sich reicher hier, bewegte sich freier, machte Dinge, die ihr in Detmold unmöglich schienen. Unsichtbare Lasten waren von ihren Schultern gefallen in den vergangenen Monaten. Das spürte sie beim Zusammenleben mit ihrer Schwägerin und deren Bediensteten, auf langen Wanderungen in die Umgebung, bei Gesprächen mit gut gelaunten Menschen auf Straßen und Plätzen und in den Salons und Gärten, wo sie in kleinen Kreisen ihr Miteinander mit einer erstaunlichen Leichtigkeit pflegten.
Diese neue Heiterkeit wollte sie nicht wieder hergeben, nicht in die Schwermut mancher Tage zurückkehren. Wie könnte sie dieses gewonnene Lebensgefühl mitnehmen, wenn die Kutsche unter der Palme vor dem Portal des Hauses Arnaud stehen würde, um die siebenköpfige Reisegruppe mit Sack und Pack für die Rückfahrt aufzunehmen?
Se beobachtete Herrn Ludwig mit den Kindern den Weg hinunter zum Meer gehen. Auch die beiden Jungen hatten sich verändert während der vergangenen Monate. Vor allem der lebhafte Wilhelm war ruhiger geworden. Daheim in Frankfurt würden sie ihrem Vater und ihrer Schwester Mathilde eine Menge zu erzählen haben.





Samstag, 23. Februar 2013

Malwida und der Demokrat



In den Jahren 1845 bis 1852 entwickelt sich Malwida von Meysenbug, behütete Tochter aus aristokratischem Hause, zu einer überzeugten Demokratin und entschiedenen Kämpferin für  die Gleichstellung der Frau. In Detmold entdeckt sie ihre Liebe zu dem sechs Jahre jüngeren Theodor Althaus, der sie auch nach seinem frühen Tod treu bleibt. Nach dem Scheitern der deutschen Revolution 1848/49 steht sie zu ihren Überzeugungen und nimmt die bittere Konsequenz in Kauf. Sieben Jahre im Leben einer bemerkenswerten Frau.

Informationen zu dieser historischen Erzählung gibt es hier: